Was bin ich froh, dass ich kein "Promi" bin!

Ernsthaft. Nicht nur, weil ich der Meinung bin, dass zu viel Geld und öffentliche Aufmerksamkeit den Charakter versauen (siehe vorher / nachher Vergleich…). Auch, weil man als sog. “Promi” so etwas wie “Societyexperten” (WTF? Müssen die eigentlich auch in die IHK?) und natürlich die BILD an der Gesäßbacke kleben hat wie Schmeißfliegen in einem besudelten Bahnhofsklo. Man hat letztendlich 2 1/2 Möglichkeiten, wie man mit dem, nennen wir das Kind gleich beim Namen, Springer-Meinungskonsortium umzugehen hat. Zum einen wäre da die Thomas-Gottschalk-Ganzkörperprostitution. Die funktioniert, indem man möglichst oft und offenherzig über sein vermeintliches Privatleben informiert. Damit kann man sich die Bratwurst-Journaille so halbwegs vom Leib halten, wenn man wirklich mal tief im Schlamassel steckt.

Das Gegenmodell dazu wäre der Günther-Jauch-Drachenhautpanzer: Man tut alles Menschenmögliche, um das Privatleben komplett von der Öffentlichkeit abzuschotten. Klappt auch nicht immer, und man braucht die sprichwörtlichen Balls of Steel, um die Nummer dauerhaft durchzustehen. Oder aber man ist ganz fein raus und darf sich zu einer Springer-genehmen gesellschaftlichen Gruppe zählen, z.B. zu der der konservativen Politiker oder zu den Katholiken. Politiker der Grünen oder der Linkspartei bemerken das Sperrfeuer wahrscheinlich überhaupt nicht mehr, das unentwegt aus Richtung Axel-Springer-Straße 65 auf sie einhämmert. Mit um so größerer Süffisanz beobachte ich den zunehmenden Zwiespalt, in den der Streit innerhalb der schwarz-gelben Regierungskoalition Springer zu ziehen scheint. Aber, immerhin kann man auch hier voneinander lernen. Als die FDP wegen ihrer “peinlichen Hotelmehrwertsteuerpanne” in die Kritik gerät, zaubert das Guido eine sensationelle Blendgranate aus dem Hut: die Hartz-IV Debatte! Ähnlich die BILD. Wenn die Helmut-Kohl-Taktik (= Aussitzen) nicht mehr funktioniert, wie beispielsweise beim Thema Käuflichkeit bestimmter CDU-Politiker, bedient sie sich ähnlicher Ablenkungsmanöver und zimmert solche Schaustücke an Meinungsjournalismus zusammen, wie folgender Artikel über Jürgen Rüttgers. Dort heißt es zunächst in BILD-untypisch sachlichem Ton:

[...] Denn diese Art von „Sponsoring“ war offenbar jahrelang Praxis der NRW-CDU. Die Partei soll nach Informationen des WDR-Hörfunk Unternehmen seit Jahren exklusive Gespräche mit Rüttgers angeboten haben: So konnten Firmen bereits im Herbst 2004 gegen Zahlung von 14 000 Euro ein „Sponsoringpaket“ für einen CDU-Kongress erwerben.

Das könnte man nun einfach so im Raume stehen lassen und den Leser sich seine Meinung “bilden” lassen, wie es die Eigenwerbung so gern proklamiert. Könnte man. Man kann natürlich auch versuchen, aus den Bad News einen gepfefferten Wahlkampfartikel zu basteln. Dazu müssen zunächst ein paar Ängste geschürt werden:

Bislang liegt Rot-Rot-Grün vorn – und die SPD schließt ein solches Bündnis explizit nicht aus!

Mehr braucht es gar nicht, um dem geübten BILD-Leser einen unangenehmen Schauer über den Rücken zu jagen – schließlich wurde er seit Menschengedenken entsprechend konditioniert. Den Bogen der Dramatik schließt man, indem auch gleich ein Gegenmodell skizziert wird:

[...] Denn das Aus der Koalition in Düsseldorf hätte gravierende Folgen für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Westerwelle. Ihre Regierung hätte im Bundesrat keine Mehrheit mehr.  Im Wahlkampf wollen die Liberalen deshalb voll auf das Thema Hartz IV setzen. FDP-Landeschef Andreas Pinkwart fordert härtere Strafen für faule Stütze-Empfänger. [...]

Noch mal zur Erinnerung: Eigentlich geht es hier um Jürgen Rüttgers, der sich mit dem Vorwurf der Käuflichkeit konfrontiert sieht. Um nun die kognitive Dissonanz aufzulösen, in der sich der zwischen Schwarz und Geld Gelb pendelnde Wähler möglicherweise gefangen sieht, braucht man, genau – ein Opferlamm:

[...] Er habe die Briefe an die Sponsoren nicht gekannt, es habe nie solche „Einzelgespräche“ gegeben. Rüttgers: „Als ich davon erfuhr, habe ich den Generalsekretär angewiesen, dies sofort zu beenden.“ CDU-General Hendrik Wüst (34) schob kleinlaut eine „ausdrückliche Entschuldigung“ an Rüttgers hinterher – die wohl das nahe Ende seiner Karriere signalisiert… [...]

Also kann man diesem Artikel folgende Botschaft entnehmen: Jürgen Rüttgers wird Käuflichkeit vorgeworfen. Das schadet dem Land NRW und überhaupt “ganz Deutschland”, weil Angies Bundesratsmehrheit wackelt, wenn die Wahl in die Hose geht und die Bolschewisten unser Land übernehmen. Zum Glück hat die FDP das rechtzeitig gemerkt und trifft mit ihrem Wahlkampfgetöse wieder mal “den Nerv der Wähler“. Und Rüttgers wusste übrigens von alledem überhaupt nichts, das waren nämlich garstige Handlanger, die deshalb jetzt auch konsequent ihren Schlapphut nehmen dürfen.

So eine Taktik funktioniert übrigens dann besonders gut, wenn man mit möglichst vielen Fleischpuppen hantiert. Bleibt am Ende die Frage, was die BILD tut, wenn es wirklich zum Mega-Crash zwischen Angela Merkel und Guido Westerwelle käme. Schauen wir mal auf die fiktiven BILD-Profile der beiden Politiker:

Angie Guido
Politische Ausrichtung Christlich-konservativ (+3) Neo-Liberal (+2)
Moralische Ausrichtung verheiratet, 1x geschieden (+0) homosexuell (-4)
Geschlecht weiblich (-1) männlich (s.o.) (+0)
Religion evangelisch (+1) evangelisch (+1)
Herkunft Zone (-1) NRW (+3)
Summe 2 2

Also, ein klassisches Unentschieden. Damit wird es spannend in den nächsten Wochen und Monaten. Ich empfehle, hier regelmäßig die einschlägigen Medien zu googlen und eine grob-abstrahierte Inhaltsanalyse durch Überfliegen der Artikelnamen durchzuführen… ich tippe übrigens auf Guido als Gewinner!

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