Vom Code zur Ikone

Vor einigen Jahren erzählte mir ein Bekannter die folgende Geschichte: Bei fast jeder seiner Heimfahrten von Jena in einen anderen Teil thüringische Provinz wurde er von der Polizei herausgewunken. Seine Personalien wurden kontrolliert und man warf auch gern einen Blick in sein Auto. Nach einigen dieser Kontrollen fragte er die Beamten, ob es einen bestimmten Grund gäbe, warum gerade er so häufig kontrolliert würde. „Na bei Ihrem Kennzeichen, wundern Sie sich da?“ wurde ihm geantwortet. Sein Kennzeichen enthielt die Zahl 88.

Viele wissen mittlerweile, dass die 88 als „Geheimcode“ der rechtsradikalen Szene gilt. Die 8 repräsentiert dabei den 8. Buchstaben des Alphabets, das H. 88 steht demzufolge für HH, was wiederum die Abkürzung des faschistischen Grußes „Heil Hitler“ ist. Mein Bekannter hatte mit der rechten Szene natürlich nichts am Hut, er hatte einfach nur „Pech“ mit seinem Kennzeichen. Von solchen Zahlencodes gibt es eine ganze Menge, kann man bei Wikipedia nachlesen.

Vor 5 Jahren brachte Braugold ein Bier mit der Bezeichnung „Braugold 1888“ heraus. Fatalerweise begab es sich im Jahr 1888, dass Braugold den Firmensitz in der Löbervorstadt bezog. Und da dachte man sich bei Braugold, das gäbe einen guten Aufmacher für eine neue Biermarke her. Nun ist 1888 aber eine ganz besonders schlimme Zahl, denn: 18 = 1. und 8. Buchstabe = A.H. = Adolf Hitler, und dann noch die verrufene 88 hintendran.  Schnell waren die Thüringer Grünen dabei, in einem empörten Aufschrei die Umbenennung des „brisanten Biers“ zu fordern.

Ein ähnliches Problem hat derzeit Tchibo. Man hat dort unachtsamerweise rote Kinderturnschuhe mit der Aufschrift „18“ ins Sortiment genommen. Zum Problem wurde dies erst, nachdem das Watchblog publikative.org einen nicht ganz ernst gemeinten Eintrag auf seiner Facebook-Seite postete: „Vergesst Thor Steinar und alle anderen Neonazi-Marken: Jetzt kommt Tchibo…“

Die Folgen: Tchibo hat die Schuhe aus dem Sortiment genommen. Man erkennt, wie paranoid die Debatte über solche vermeintlichen  rechten „Geheimcodes“ mittlerweile geworden ist. Geheimcodes sind nur dann sinnvoll einsetzbar, wenn sie nur die Adressaten kennen. Folglich taugen die ikonisierten Codes 18, 88, etc. allenfalls noch als Provokation, indem sie tätowiert oder absichtlich (!) auf Autokennzeichen verwendet werden. Dort können Sie ihre Wirkung aber nur deshalb entfalten, weil eben alle Welt gleich panisch aufschreit, wenn diese Ziffern irgendwo und aus irgendeinem Kontext heraus auftauchen, und sei es als Zahl auf ein paar Kinderschuhen. Damit erreicht man gerade das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte. Man mystifiziert diese Symbole. Das Darstellen eines Hakenkreuzes in der Öffentlichkeit ist außerhalb eines geschichtlichen Kontextes heraus verboten. Das führte letzten Endes dazu, dass der Bundesgerichtshof vor 6 Jahren darüber zu befinden hatte, ob das Verbot auch ein durchgestrichenes Hakenkreuz als Zeichen der Antifa-Bewegung umfasst.

Dadurch, dass wir Geschichte verstecken und nicht transparent machen, dass wir Bücher und Symbole verbieten, schaffen wir Mythen und Märtyrer. Wir halten dem, was wir eigentlich aus unserem kollektiven Bewusstsein verbannen wollen, einen Steigbügel indem wir ihm den Reiz des Verbotenen verleihen. Heute ist übrigens der 18.8. Mein Thermometer zeigte heute Morgen 18,8° Celsius. Wer mag da noch an Zufälle glauben?

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