An und für sich habe ich die Diskussion [1] [2] [3] um eine geplante iPhone-Applikation der ARD-Tagesschau als Sturm im Wasserglas verfolgt. Warum? Weil es hier am Ende doch bloß um eine bestimmte, technische Art der Darstellung von existierenden Inhalten auf einem bestimmten, mobilen Endgerät geht. Die Inhalte kann man sich ja auch ohne “App” anschauen, z.B. über den ganz normalen Browser, den jedes internetfähige Gerät besitzt.
Sogar das iPhone. Da gab es ja seinerzeit die vollmundige, umstrittene Aussage von Apple, mit einem iPhone “das echte Internet” in der Tasche zu tragen. Ohne Flash kann man vielleicht nicht alle ARD-Onlineinhalte nutzen, aber für den Nachrichtenticker reicht es alle mal.
Um nun zu verstehen, was an einer App so toll ist, muss man zunächst in die Psyche eines Apple-Jüngers blicken. Jene Spezies hat es sich zu eigen gemacht, im Zweifel mehr Geld für ein Produkt auszugeben, das objektiv betrachtet weniger leistet, als ein Konkurrenzprodukt. Da es sich beim Apple-Jünger in der Regel um ein Mitglied des Bildungsbürgertums handelt, entwickelt er Strategien, die denen von Entführungsopfern (“Stockholm-Syndrom“) ähneln, um kognitive Dissonanzen zu vermeiden.
Da ist es natürlich hilfreich und zugleich umsatzfördernd, wenn man speziell den iPhone-Nutzer, dessen Gadget sich außer durch ein mondänes Interface, einen Neigungssensor und eine vollverspiegelte Oberfläche kaum von anderen Smartphones unterscheidet, ständig mit mehr oder weniger nützlichen Funktionen füttert und dafür bezahlen lässt.
Damit unterscheidet sich der Apple-Jünger grundlegend vom vorwiegend durch Oldschool-Mediendinos gezeichneten Bild des Kostenlos-alles-Mitnehm-Internetleechers, der dem guten alten Qualitätsjournalismus das Messer in den Rücken rammt. Also bastelt sich der Dino eine App, mit der iPhone-Addicts z.B. die exlusiven Premiuminhalte der BILD-Onlinedependance rezipieren können und dafür Extrageld bezahlen.
Nun hat bei der ARD offenbar mal jemand gegoogelt und festgestellt, dass diese Apps gerade im Trend liegen. Warum also nicht eine eigene App basteln und diese “kostenlos” unters Volk bringen? Der irrigen Annahme erlegen, dass der gemeine BILD-Appnutzer gesinnungsidentisch mit dem gemeinen BILD-Leser ist, poltert[2] die Premiumpresse natürlich laut los und sieht sich als Opfer des öffentlich finanzierten Rundfunks, der ihnen die zahlenden Abonnenten mopst.
Offensichtlich fühlt man sich bei der ARD nun in die Ecke gedrängt und kontert mit der Grundversorgungskeule. Mit implizitem Hinweis auf das “Niedersachsenurteil” zum Begriff der Grundversorgung stellt sich die ARD bzw. im Speziellen der abmahngeneigte NDR nun einmal mehr selbst in Frage. Dem informierten Leser sollte klar sein, dass sich das BVG-Urteil von 1986 wohl kaum auf das Internet bezogen haben kann; vielmehr ging es um die Abgrenzung des Grundversorgungsauftrags zum Programmangebot der damals noch jungen Privatsender. Binnen- vs. Außenpluralismus. Leider hat man bereits damals falsch zu Gunsten des Binnenpluralismus entschieden. Das ist in etwa so, als würde man Brot und Wurst auch heutzutage noch auschließlich auf Lebensmittelkarten erwerben können.
Die Frequenzknappheit und damit einhergehende Exklusivität von Massenkommunikation ist de facto nicht mehr existent. Jeder kann alles an jeden kommunizieren. Die Meinungsvielfalt ist kennzeichnendes Element des Internets, weshalb man es ja all zu gerne zensieren möchte.
Für mein Empfinden ist es endlich an der Zeit, dass sich die Ö/R Medien die demokratische Legitimation holen, die sie nie besessen haben. Letzten Endes unterliegen doch auch die privaten Medien (demokratischen) Marktmechanismen. Und gerade hier haben die Ö/R einen riesigen Berg an Misstrauen wiedergutzumachen. Also, hören wir doch auf, über iPhone Apps zu streiten und sehen wir zu, wie wir das Ö/R Rundfunksystem endlich ins 21. Jahrhundert transformieren können!