Mit ‘öffentlich-rechtlich’ getaggte Artikel

Lobbyists win

Dienstag, 06. September 2011

“Herr, lass Hirn regnen!” möchte es aus mir herausbrüllen. Gestern ging die Mediathek-APP des ZDF an den Start. Terminlich wohlkoordiniert ließ Kulturstaatsminister Neumann (CDU) nun verlauten, die Smartphone-Anwendungen der öffentlich-rechtlichen einer “kritischen Überprüfung” unterziehen zu wollen. Money Quote:

“Die Angebote müssen sich im Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags bewegen”, betonte Neumann. Dieser müsse gegebenenfalls reformiert werden. Die Meinungsvielfalt zu sichern sei wichtig, die deutschen Medienanbieter dürften aber nicht benachteiligt werden.

Wie soll man diese Aussage verstehen? Will Neuman also prüfen, inwieweit die Ö/R-Apps die Einnahmen seiner Busenkumpel von WAZ, Springer & Co. bedrohen und ggf. dann den Auftrag entsprechend abändern?

Zur Erinnerung, den Dreistufentest, den Neumann zitiert, gibt es bereits seit 2009. Er regelt, welche Rundfunkinhalte wie lange auch auf Online-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten publiziert werden dürfen. Mal unabhängig von aller (berechtigten) Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem: Eine App ist letzten Ende nichts anderes als eine Darstellungsform für Inhalte. Für Springer-Chef Döpfner hingegen ist beispielsweise die Tagesschau-App der Antichrist unter den mobilen Anwendungen:

Die “tagesschau”-App hat in Döpfners Augen mit dem klassischem öffentlichen Auftrag nichts zu tun; da sie kostenlos sei, werde der Wettbewerb verzerrt.

Dabei tut die Tagesschau-App im Grunde genommen nichts anderes, als eine für mobile Endgeräte optimierte Internetseite. Sie stellt Inhalte dar, die, nachdem sie den Dreistufentest passiert haben, bei Tagesschau.de publiziert werden. Inhalte, die bereits durch Rundfunkgebühren “bezahlt” wurden. Und Rundfunkgebühren sind keine “Gebühren”, sondern Bereitstellungsentgelte, da sie nutzungsunabhängig zu entrichten sind. Wo liegt also das Problem? Hat Springer Angst, dass man ihnen mit der Tagesschau-App die zahlenden BILD-App (iPhone/-pad) Nutzer abspenstig macht? Das ist nämlich Springers “geniales” Erlösmodell. Die Website “bild.de” ist von den Apple-Geräten iPhone und iPad (sicher auch iPod) nicht (ohne ein wenig Trickserei) aufrufbar. Möchte man sich die BILD-Inhalte trotzdem mobil anschauen, löhnt einmalig 79 ct. sowie mindestens jeweils 1,59 EUR für weitere 30 Tage BILD-lesen.

Android-Menschen hingegen können bild.de einfach in den Browser eintippen und sehen eine mobiloptimierte Version der Website – für lau. Ich kann mit diesem Geschäftsmodell gut leben, da die Springer-Postille für mich sowieso nur Trash-Unterhaltung darstellt, auf die man auch getrost verzichten könnte.

Was nun Kulturstaatsminister Naumann bewegt, sich in diese völlig sinnentleerte Debatte einzumischen – darüber kann man nur spekulieren. Krähen hacken ja bekanntermaßen einander keine Augen aus.

Mediales Mittelalter

Dienstag, 12. Juli 2011

Google würde seine erfolgreiche Videoplattform “Youtube” gern zu einem Live-Streamingportal ausbauen. Auch in Deutschland. Das wird wohl vorerst nichts:

Wer ohne Erlaubnis durch die Medienanstalten als Rundfunkveranstalter auftritt, dem droht in Deutschland ein Bußgeld von bis zu 500.000 Euro. Einen Zulassungsantrag habe Google aber noch nicht gestellt.

Zum Verständnis dieses Umstandes sollte man sich die wortwörtliche Bedeutung des Begriffs “Rundfunk” vor Augen führen. Einst war die Regulierung des Rundfunks der Tatsache geschuldet, dass Frequenzen ein knappes Gut waren und jemand einfach festlegen musste, wer wann auf welchem Band was funken darf.

Dann entdeckte man den Rundfunk als Erlösmodell und Instrument der Meinungsmache. Und hält deshalb krampfhaft an der Regulierung fest – alles natürlich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, des Pluralismus und des Jugendschutzes. Was kann denn freiheitlicher und vielfältiger sein, als ein dereguliertes Sender-Empfänger-Massenmedium? Ein Medium, in dem Qualität die “Quote” und den Erlös bestimmt (Stichwort Flattr)? Ein Medium, in dem Inhalte nicht nur rezipiert, sondern öffentlich reflektiert und bewertet werden können?

Das wäre, ist ein Medium, das nicht in das Konzept von Macht und Gewinn passt und deshalb reguliert & kontrolliert gehört.

Update: Die Medienanstalten machen nicht mal einen Hehl aus ihren Intentionen (Hervorhebung DS):

Friederike Grothe, Pressesprecherin der deutschen Medienanstalten, erklärt deshalb: „Inwieweit konkrete Angebote betroffen sein könnten, muss im jeweiligen Einzelfall geprüft werden“. Es gelte immer abzuwägen, welche meinungsbildende Wirkung das Angebot hat.

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(via presseschauder.de, ein interessanter Beitrag zum Thema)

Unabhängige Medien

Sonntag, 04. Juli 2010

…sehen anders aus:

Tatsächlich gab es bei den rund 500 Zuschauern lang anhaltenden, respektvollen Applaus – allerdings als der Bundestagspräsident Norbert Lammert die Stimmenzahl für Joachim Gauck verkündete. (…) Als Lammert dann tatsächlich die Wahl von Christian Wulff verkündete, klatschte allenfalls eine Handvoll der Wartenden. Die große Mehrheit hingegen buhte laut.

Das hat die ARD nicht davon abgehalten, mit dem Gauck-Applaus den Wahlsieg Christian Wulffs zu bebildern. Das ist richtig, richtig schlimm!
Via Fefe, TAZ

Wie unabhängiger Rundfunk 2010 bei uns funktioniert

Freitag, 05. März 2010

Update #1: a) ich habe mal beim ZDF nachgefragt und warte mit Spannung auf Antwort… b) … wurde mir an der Stelle mal wieder bewusst, was wir eigentlich mit dem Internet haben (erinnert sich jemand noch an diesen ARD-Bock?) c) sprachliche Glättung im Text ;-)

Nach Fefes gestriger Ankündigung hatte ich mich auf ein spannendes “TV-Duell” zwischen dem Datenschutzaktivisten padeluun und Wolfgang Bosbach gefreut. Nachdem Maybritt Illner fast eine halbe Stunde überzogen hatte, ging es denn auch kurz vor dreiviertelzwölf in’s Getümmel. Die Diskussion wurde mit Vehemenz geführt aber irgend etwas Eskalatöses passierte 18 Minuten lang eigentlich nicht. Am Ende gab es dann aber doch noch eine bemerkenswerte Szene – nämlich als Lanz das Schlusswort der Runde an Bosbach übergab und dieser sichtlich erregt von Schlägen unter die Gürtellinie schwadronierte, und zwar in Richtung padeluun. Was war geschehen? Ich weiß es nicht, denn offensichtlich hat das öffentlich-rechtliche ZDF hier einige Szenen unterschlagen. Dafür spricht auch folgender Screen, den man mit etwas Geschick in der Aufzeichnung der Sendung bei der ZDF Mediathek findet:

zdf

Öhöm… genau so stelle ich mir “unabhängigen” Rundfunk vor: Macht ein Regierungspolitiker Unfug, gibts *fremdschäm* und die spannenden Minuten werden zensiert. Hätte einer der anderen Diskutanten einen solchen Ausfall hingelegt, wäre die Kamera sicherlich drauf geblieben. Unterstelle ich jetzt mal.

Vielleicht treibt ja jemand die fehlenden Minuten irgendwo auf, bin da ja mal gespannt…

PS: Das Sahnehäubchen war übrigens Lanz’ verweifelt schlecht gespieltes Lachen, als der das nächste Thema ankündigte… (fehlt leider in der Mediathek)

Die ARD und die iPhone App

Mittwoch, 06. Januar 2010

An und für sich habe ich die Diskussion [1] [2] [3] um eine geplante iPhone-Applikation der ARD-Tagesschau als Sturm im Wasserglas verfolgt. Warum? Weil es hier am Ende doch bloß um eine bestimmte, technische Art der Darstellung von existierenden Inhalten auf einem bestimmten, mobilen Endgerät geht. Die Inhalte kann man sich ja auch ohne “App” anschauen, z.B. über den ganz normalen Browser, den jedes internetfähige Gerät besitzt.

Sogar das iPhone. Da gab es ja seinerzeit die vollmundige, umstrittene Aussage von Apple, mit einem iPhone “das echte Internet” in der Tasche zu tragen. Ohne Flash kann man vielleicht nicht alle ARD-Onlineinhalte nutzen, aber für den Nachrichtenticker reicht es alle mal.

Um nun zu verstehen, was an einer App so toll ist, muss man zunächst in die Psyche eines Apple-Jüngers blicken. Jene Spezies hat es sich zu eigen gemacht, im Zweifel mehr Geld für ein Produkt auszugeben, das objektiv betrachtet weniger leistet, als ein Konkurrenzprodukt. Da es sich beim Apple-Jünger in der Regel um ein Mitglied des Bildungsbürgertums handelt, entwickelt er Strategien, die denen von Entführungsopfern (“Stockholm-Syndrom“) ähneln, um kognitive Dissonanzen zu vermeiden.

Da ist es natürlich hilfreich und zugleich umsatzfördernd, wenn man speziell den iPhone-Nutzer, dessen Gadget sich außer durch ein mondänes Interface, einen Neigungssensor und eine vollverspiegelte Oberfläche kaum von anderen Smartphones unterscheidet, ständig mit mehr oder weniger nützlichen Funktionen füttert und dafür bezahlen lässt.

Damit unterscheidet sich der Apple-Jünger grundlegend vom vorwiegend durch Oldschool-Mediendinos gezeichneten Bild des Kostenlos-alles-Mitnehm-Internetleechers, der dem guten alten Qualitätsjournalismus das Messer in den Rücken rammt. Also bastelt sich der Dino eine App, mit der iPhone-Addicts z.B. die exlusiven Premiuminhalte der BILD-Onlinedependance rezipieren können und dafür Extrageld bezahlen.

Nun hat bei der ARD offenbar mal jemand gegoogelt und festgestellt, dass diese Apps gerade im Trend liegen. Warum also nicht eine eigene App basteln und diese “kostenlos” unters Volk bringen? Der irrigen Annahme erlegen, dass der gemeine BILD-Appnutzer gesinnungsidentisch mit dem gemeinen BILD-Leser ist, poltert[2] die Premiumpresse natürlich laut los und sieht sich als Opfer des öffentlich finanzierten Rundfunks, der ihnen die zahlenden Abonnenten mopst.

Offensichtlich fühlt man sich bei der ARD nun in die Ecke gedrängt und kontert mit der Grundversorgungskeule. Mit implizitem Hinweis auf das “Niedersachsenurteil” zum Begriff der Grundversorgung stellt sich die ARD bzw. im Speziellen der abmahngeneigte NDR nun einmal mehr selbst in Frage. Dem informierten Leser sollte klar sein, dass sich das BVG-Urteil von 1986 wohl kaum auf das Internet bezogen haben kann; vielmehr ging es um die Abgrenzung des Grundversorgungsauftrags zum Programmangebot der damals noch jungen Privatsender. Binnen- vs. Außenpluralismus. Leider hat man bereits damals falsch zu Gunsten des Binnenpluralismus entschieden. Das ist in etwa so, als würde man Brot und Wurst auch heutzutage noch auschließlich auf Lebensmittelkarten erwerben können.

Die Frequenzknappheit und damit einhergehende Exklusivität von Massenkommunikation ist de facto nicht mehr existent. Jeder kann alles an jeden kommunizieren. Die Meinungsvielfalt ist kennzeichnendes Element des Internets, weshalb man es ja all zu gerne zensieren möchte.

Für mein Empfinden ist es endlich an der Zeit, dass sich die Ö/R Medien die demokratische Legitimation holen, die sie nie besessen haben. Letzten Endes unterliegen doch auch die privaten Medien (demokratischen) Marktmechanismen. Und gerade hier haben die Ö/R einen riesigen Berg an Misstrauen wiedergutzumachen. Also, hören wir doch auf, über iPhone Apps zu streiten und sehen wir zu, wie wir das Ö/R Rundfunksystem endlich ins 21. Jahrhundert transformieren können!

Brender muss gehen

Freitag, 27. November 2009

Heute (bzw. schon gestern) scheint wirklich ein schwarzer Tag für den unabhängigen und kritischen Journalismus zu sein: Ronny Ronald “The Sheriff” Koch hat es geschafft und sich des unbequemen Nikolaus Brender entledigt.

Toll, so ist das also mit “unabhängigen Medien”, wie es die GEZ-Kampagne “Natürlich zahl’ ich” so nett formuliert. War es nicht so, dass das Ö/R System gerade deshalb entstand, um eine politische Einflussnahme, wie es die Nationalsozialisten und allen voran Propagandaschleuder Goebbels so vortrefflich verstanden, zu verhindern? Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Nein, es ist leider Realität in unserem Land, dass das Ö/R Fernsehen der Politik und der Wirtschaft gehört. Hurra! Hurra! Hurra!

Via SPON.