Der Casus “Guttenplag” entwickelt sich immer mehr zu einem hervorragenden Lehrstück, wie Medien, Politik und Wissenschaft hierzulande in der Gegenwart funktionieren.
Medial-existierende Politiker
zu Guttenberg setzt auf eine der kompromisslosesten medial-gestützten Karrierekampagnen seit Helmut Kohl. Insbesondere seine nicht ganz ungefährliche Nähe zu den Springer-Medien erwies sich bisher als genialer Schachzug. Wie einem publizistischen Pitbull überlassen zu Guttenberg und Gattin die Schlammschlachten der BILD-Zeitung. Auffallend selten hingegen äußern sich Herr oder Frau Minister direkt dem Blatt gegenüber – vielmehr lassen sie über sich berichten.
Des Barons Herold
Dies entspricht auch voll und ganz dem stets mitschwingenden Feudalimage, einem treuen Begleiter zu Guttenbergs in der (Springer’schen) Medienwirklichkeit. Damit fährt “KT”, wie man ihn in Berlin liebevoll bespitznamt, gezielt gegen die Fahrtrichtung insbesondere all jener Medien, die sich in ihrem Selbstverständnis vom Boulevardniveau distanzieren und doch gleichzeitig die real-existierende Beliebtheit des Politikers zähneknirschend akzeptieren müssen. Kein Wunder also, dass das Semi-Nachrichtenereignis rund um die Plagiatsvorwürfe rasant an Eigendynamik gewinnt. Jedwede objektive Auseinandersetzung mit dem relevanten politischen Outcome zu Guttenbergs fand und findet nur wenig öffentliches Interesse. Dass “KT” Ex-Verteidigungsminister Steinmeier Franz Josef Jung für die Kunduz-Affaire opferte, selber jedoch immun gegenüber irgendwelchen persönlichen Konsequenzen aus Gorch Fock, Brieföffneraffaire und Russisch Roulette zu sein scheint – so what! Der Mann sieht doch blendend aus! Dass zu Guttenberg sich noch im Juli 2010 deutlich gegen eine Abschaffung der Wehrpflicht positionierte, sich aber nun als Initiator selbiger feiern oder verteufeln lässt – who cares! Sein Anzug sitzt perfekt!
Flucht nach vorn
Was bis dato zum Umfang “entlehnter” Gedanken in Guttenbergs Arbeit “Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU.”, die mit dem bestmöglichen Prädikat “summa cum laude” bewertet wurde, an’s Tageslicht kam, wird ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit den Doktortitel kosten. Nach zunächst zögerlichen Reaktionen (Phase des „Nicht-wahrhaben-Wollens“) nebst VIP-Pressekonferenz, für die er einen immensen Kollateralschaden quer durch die gesamte politisch berichtende Presse in Kauf nahm, ändert “KT” nun seine Strategie um weitere 90° und versucht sich in Selbstgeißelung. Da wundert es kaum, dass man ihm die Ernsthaftigkeit seiner Reue nicht so ganz abnimmt. Hinsichtlich journalistischer Mittel bedient man sich – querbeet – beim Boulevard. “Lügenbaron”, “Dr. Münchhausen” nennt ihn der Stern so genüsslich wie wenig phantasievoll. “Populismus” hält ihm die Süddeutsche vor. “Charakterschwäche” attestiert ein Kommentar der Tagesschau. Es sind die gleichen Waffen, derer sich BILD schon immer im Kampf gegen unliebsame Politiker bedient, die sich zu Guttenberg unverhohlen zu Nutze macht und dafür nun die Quittung erhält.
Zwischen den Stühlen
Ein innerer Krieg muss derzeit bei der BILD-Redaktion toben. Wenngleich man dort mit Bigotterie noch nie ein Problem hatte, wie auch der aktuelle Fall zeigt, muss den Redakteuren im Springer-Haus in Anbetracht der sich häufenden “Hau drauf”-Vorlagen gehörig das Fell jucken. Und tatsächlich – trotz des (bislang) ungebrochenen Zuspruchs innerhalb der Bevölkerung erkennt man beinahe so etwas wie neutrale Zurückhaltung in der Berichterstattung zu “Guttenbergs Plagiats-Beichte”. Alleine die Bebilderung (“Aktuell”, “Hintergrund”, “Mehr zum Thema”) spricht Bände. Ein Zeichen dafür, dass selbst die BILD dem hakenschlagenden Verteidigungsminister kaum mehr zu folgen vermag? Unterminiert doch dessen Krisenstrategie all jenes, was die zu Guttenbergs darstellen möchten: ein Rollenmodell der modernen, stets souveränen Konservativen. Rechtschaffen und ehrlich. Intelligent und geradlinig.
Schwarmwissen und verteiltes Recherchieren
And now for something completely different. Eher an den Rand rutschen nicht nur die objektive Betrachtung zu Guttenbergs politischer Kompetenz. Schwarmwissen verleitet zum Ideenklau. Das Internet hat in den letzten 15 Jahren die Verfügbarkeit von Wissen revolutioniert. Noch nie hatte man schnelleren und leichteren Zugriff auf solch enorme Mengen von Informationen. Führt dies möglicherweise zu einer schleichenden Entwertung geistiger Urheberschaft?
Ist es verwerflich, sich munter des Wissens anderer zu bedienen, um zu eigenen, neuen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen zu kommen? Sicherlich nicht! Das ist, was den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess charakterisiert und von statischem Dogmendenken unterscheidet. Entbindet uns dies aber vom Respekt gegenüber demjenigen, der uns die Grundlagen unserer eigenen Erkenntnisse liefert? Nicht zuletzt die Sender-Empfänger-Charakteristik des Internets, die veröffentlichtes Wissen reflektiert, zwingt uns zu diesem Respekt, der jedem wissenschaftlich arbeitendem Menschen eigentlich innewohnen sollte. Eine Art Selbstregulatorium, dessen wir uns angesichts medialer Instanzen wie “Guttenplag“, für mich ein Wikileaks-Modell für die Wissenschaft, bewusst werden müssen.
Erkenntnisse
Nun stehen wir also, auf einer vermeintlichen Metaebene und beobachten, was da gerade zwischen Politik, Medien und Wissenschaft passiert. Die Mehrheit bekennt sich eindeutig zum Sieg der Darstellerqualitäten über politische Kompetenz. Medien, verunsichert ob dieser Mechanismen, die sie selber in nicht unerheblicher Weise mit zu verantworten haben, suchen nach neuen Strategien. Einer kann sich zurücklehnen: Karl Theodor zu Guttenberg. Er verkörpert das Rollenmodell künftiger Politikergenerationen. Schein über Sein. Marketing über Moral. Man darf gespannt bleiben.
Edit: Es war Franz Josef Jung, nicht Steinmeier. Danke; Alex