Heute zu lesen:
Ich meine: Um-bruch
Bei Sandra Maischberger wurde gestern über Müll philosophiert. Ich habe ein paar Minuten davon angesehen, bis ich die gewohnt nervige Claudia Roth nicht mehr aushielt und den Sender wechselte. Dadurch ist mir wohl einer der charmatesten Späße, der Gag of the Gags – ja ein wahrer Diamant unter den humoristischen Bonbons entgangen:
Dies will er mit einem Zitat von Franz Alt deutlich machen – und zieht plötzlich einen Zettel aus seinem Jackett.
„Ich habe mir das jetzt extra aufgeschrieben, weil ich habe zu Zahlen ein schlechtes Verhältnis – und in meiner Familie muss man mit Zitieren bekanntlich aufpassen.”
Ihr fallt noch nicht vor Lachen vom Stuhl? Klar, denn ihr wisst ja gar nicht, wer diesen Kichergaranten von sich gab:
Vater von Karl-Theodor zu Guttenberg spielt auf die Zitier-Schwäche seines Sohnes an
Na… na??? So, ich melde mich mal ab und werde mich die nächsten 2 Stunden lachend auf dem Boden krümmen!
Alles begann mit einem Auftritt des gefallenen Biedermanns im kanadischen Halifax: Als ob es derzeit keine wichtigeren Themen gäbe, stürzte sich die Presse auf Guttenberg 2.0. Gel alle, Brille kaputt? Fast könnte man glauben, Guttenberg wolle sich der Öffentlichkeit mit Hilfe eines redesignten Outfits als geläuterter Paulus präsentieren. “Der scheue MinisterMister Guttenberg” titelte das Boulevardmagazin “Spiegel”, doch mit der Scheu war es bald vorbei.
Der Auftritt im fernen Nordamerika markierte vielmehr den Start der Promotion-Kampagne für ein Buch, das den beängstigenden Titel (sic!) “Vorerst gescheitert” trägt und es scheint so, als werkelten der ehemalige Dr. jur. und sein PR-Team tatsächlich an einem politischen Comeback. Dazu, dramaturgisch perfekt getimed, die Nachricht, dass Guttenbergs Plagiats-Verfahren gegen eine Zahlung von 20.000 EUR eingestellt wurde. Das geht juristisch durchaus in Ordnung; auch einem weniger prominenten und hartnäckigeren Leugner hätte man so eine Einigung sicher zugestanden. Besser macht das den enttarnten Betrug natürlich nicht. Doch wie geläutert gibt sich Guttenberg tatsächlich? „Bewusstlosigkeitsnachweis durch Unwahrscheinlichkeit der Tat“ nennt Jürgen Kaube in der FAZ diese Variante der Chewbacca-Verteidigung treffend. Einzig eine “chaotische Arbeitsweise” attestiert sich der um seine Ehre bemühte ehemalige Verteidigungsminister in der BILD. Und man mag ihn beinahe dafür bewundern, wie er es schaffen konnte, eine auf 80 Datenträgern und mindestens 4 Computern an unterschiedlichen Standorten verteilte Zitate- und Stichpunktsammlung aus Büchern und Webseiten in eine mit “summa cum laude” gewürdigte Doktorarbeit überführen konnte.
By the way: da ist er wieder, der gute alte Karl-Theodor. Schönreden – relativieren – umdeuten. Wenn man sich sein Foto auf dem Buchcover genau ansieht, erkennt man bereits wieder erste Gel-Spuren im Haar. Bei Springer hat man die Jubelmaschine angeworfen, Guttenberg wird von Nikolaus Blome ermuntert und bekommt “Post von Wagner“.
Der Ausgang von Guttenbergs Relaunch liegt freilich im Dunklen. Spreng bezweifelt, dass der Versuch von Erfolg gekrönt sein wird. Die CSU, deren Parteivorsitzender Horst Seehofer das eingestellte Verfahren noch am Mittwoch als Sieg Guttenbergs verkaufen wollte und dem ehemaligen Politstar die Hand reichte, rudert heute bereits zurück. „Wir haben keine vakanten Stellen“ heißt es plötzlich, nachdem Guttenberg in der ZEIT gegen seine Partei gepöbelt hatte und “Sympathien für die Gründung einer neuen Partei erkennen” ließ.
Nun denn. Die Manege ist eröffnet. Die Clowns sind schon da.
Edit: Selbst der Spiegel hat mitbekommen, dass KT kein Minister mehr ist. Mea culpa
Ein mutmaßlicher Bankräuber hatte, als die Polizei den flüchtigen Verdächtigen stoppen wollte, in seinem Fluchtfahrzeug eine Gasflasche geöffnet und das Luft-Gasgemisch entzündet. Bei der Explosion erlitt der Täter schwere Verbrennungen und sitzt seitdem im Rollstuhl, 5 Polizeibeamte wurden ebenfalls verletzt. Und wie findet BILD das Ganze?

Ja, wirklich total lustig.
Sonntag war “Wähl ‘nen Piraten“-Tag in Berlin. Gestern war “Sprich wie ein Pirat“en-Tag. Spätestens heute beflissen sich nahezu alle deutschen Mainstream-Medien, das “Phänomen” Piratenpartei zu analysieren. Ein hervorragender Anlass für eine kleine Presseschau.
Christian Stöcker betrachtet den Wahlerfolg auf Spiegel.de als Ergebnis von Unverständnis oder gar netzfeindlicher Gesinnung der meisten etablierten politischen Instanzen. Eine sehr realistische Einschätzung – gibt ihm doch die Reaktion so mancher Politiker Recht. Solche Wendemanöver versprechen jedoch ähnlich erfolglos wie Röslers Griechenland-Gebashe zu enden. Stöckers Kollegin Sybille Berg schwingt die Feminismus-Keule und identifiziert die Piratenpartei als Jung-Herrenclub
“[sie] verengen das Blickfeld, vernachlässigen Körper- und Familienpflege und arbeiten an etwas, das ihnen sinnvoll erscheint, aus welchen Gründen auch immer.”
Ob Frau Berg, die ihre Kolumne mit der Zeile “Warum gibt es eigentlich keine Frauenpartei?” betitelt, eigentlich weiß, dass es sehr wohl eine Frauenpartei gibt?
Jörg Sundermeier zieht in der TAZ den naheliegenden Vergleich zwischen der Piratenpartei und den frühen Grünen. Eine gewisse Portion Neid (oder Furcht vor einer Erosion der Grünen?) meint man schon aus seinen Zeilen zu lesen – alleine ist er damit nicht. So bewies Renate Künast wenig politisches Feingefühl, sondern eher ein gehöriges Maß an Arroganz, als sie vor gut 2 Wochen die Piraten zu “resozialisieren” verprach. Vielleicht gab sie damit ja noch ein paar weiteren Hundert ehemaligen Grünen-Wählern Anlass, ihre Stimme den Piraten zu geben. Wahscheinlicher ist jedoch, dass es mit den Piraten nun endlich die Alternative zu den schon lange von Realos beherrschten Grünen auf dem Wahlzettel gibt. Grün ist das neue schwarz.
Durchaus treffend erkennt Marcus Jauer in der Frankfurter Allgemeinen, wie hilflos die etablierten “Protestparteien” nun anfangen zu schwimmen,
“Die Journalistenfrage, wie sich der Aufstieg der Partei erklärt, verstanden sowohl Linke als auch Grüne als Kritik am eigenen Programm und antworteten, auch ihre Partei „sei im Internet aktiv“ (Harald Wolf) oder sogar „netzaffin“ (Renate Künast).”
andererseits macht er deutlich, dass die Piraten keine “Internetpartei” sind, sondern vielmehr im Internet ein wichtiges wenn nicht sogar das wichtigste Instrument zur Schaffung von Transparenz in der parlamentarischen Politik sehen.
Soweit reicht der Horizont Franz Josef Wagner freilich nicht. So attestiert er in seiner “Post von Wagner” der “lieben Piratenpartei”, ihre Forderung nach Freiheit im Internet sei “super-idiotisch und lebensgefährlich.” Das, Herr Wagner, erklären Sie dann aber bitte auch mal den Damen und Herren vom Bundesverfassungsgericht, die eben genau jene anlasslose Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig erklärt haben. Überhaupt versucht(e) sich BILD darin, die Piratenpartei (“Chaostruppe”, “Spaßpartei”) möglichst in ihr eigenes Biotop, die Gaga-Ecke zu lancieren. Mittlerweile ist man aber bei Springer etwas vorsichtiger geworden, und so avanciert der “1. Offizier der Piraten” über Nacht zu “Berlins neuem Polit-Star“.
Ach ja, nun ratet mal, wer noch überhaupt nicht begeistert vom Berliner Wahlergebnis ist? Na? Richtig – unsere Brüder und Schwestern von Gottes Gnaden, denen die Forderung nach (im Grundgesetz verankerter) Säkularität bitter aufstößt. Ob solche Forderungen ihre Mehrheit finden werden, was evangelisch.de kategorisch ausschließt, wird die Zukunft zeigen.
BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb heute Nacht eine Post an New York.
Alte Männer und Frauen, grotesk in ihrer Nike-Sportswear anzusehen…
40-jährige Frauen, deren Hintern so hart sind wie Eishockeypucks.
Der Geruch war in allen Starbucks-Coffees, in den schönen Brooks-Brothers-Hemden…
“(…) Es gibt eine Armani-Party. Ich bring dich da mit rein. (…)”
Ich weiß nicht, wie viele Boulevard-Journalisten ihr kennt die es schaffen, selbst in einer rührseeligen 9/11-Postille Sexismus und Schleichwerbung unterzukriegen. Ich kenne nur einen.
Nachtrag: Wagner ist bei der BILD in guter Gesellschaft. Kollege Herbert Bauernebel verleiht der durch eine am 11.9.2001 entstandene Fotografie bekannt gewordenen Marcy Borders den Titel “Staubfrau”.
“Herr, lass Hirn regnen!” möchte es aus mir herausbrüllen. Gestern ging die Mediathek-APP des ZDF an den Start. Terminlich wohlkoordiniert ließ Kulturstaatsminister Neumann (CDU) nun verlauten, die Smartphone-Anwendungen der öffentlich-rechtlichen einer “kritischen Überprüfung” unterziehen zu wollen. Money Quote:
“Die Angebote müssen sich im Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags bewegen”, betonte Neumann. Dieser müsse gegebenenfalls reformiert werden. Die Meinungsvielfalt zu sichern sei wichtig, die deutschen Medienanbieter dürften aber nicht benachteiligt werden.
Wie soll man diese Aussage verstehen? Will Neuman also prüfen, inwieweit die Ö/R-Apps die Einnahmen seiner Busenkumpel von WAZ, Springer & Co. bedrohen und ggf. dann den Auftrag entsprechend abändern?
Zur Erinnerung, den Dreistufentest, den Neumann zitiert, gibt es bereits seit 2009. Er regelt, welche Rundfunkinhalte wie lange auch auf Online-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten publiziert werden dürfen. Mal unabhängig von aller (berechtigten) Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem: Eine App ist letzten Ende nichts anderes als eine Darstellungsform für Inhalte. Für Springer-Chef Döpfner hingegen ist beispielsweise die Tagesschau-App der Antichrist unter den mobilen Anwendungen:
Die “tagesschau”-App hat in Döpfners Augen mit dem klassischem öffentlichen Auftrag nichts zu tun; da sie kostenlos sei, werde der Wettbewerb verzerrt.
Dabei tut die Tagesschau-App im Grunde genommen nichts anderes, als eine für mobile Endgeräte optimierte Internetseite. Sie stellt Inhalte dar, die, nachdem sie den Dreistufentest passiert haben, bei Tagesschau.de publiziert werden. Inhalte, die bereits durch Rundfunkgebühren “bezahlt” wurden. Und Rundfunkgebühren sind keine “Gebühren”, sondern Bereitstellungsentgelte, da sie nutzungsunabhängig zu entrichten sind. Wo liegt also das Problem? Hat Springer Angst, dass man ihnen mit der Tagesschau-App die zahlenden BILD-App (iPhone/-pad) Nutzer abspenstig macht? Das ist nämlich Springers “geniales” Erlösmodell. Die Website “bild.de” ist von den Apple-Geräten iPhone und iPad (sicher auch iPod) nicht (ohne ein wenig Trickserei) aufrufbar. Möchte man sich die BILD-Inhalte trotzdem mobil anschauen, löhnt einmalig 79 ct. sowie mindestens jeweils 1,59 EUR für weitere 30 Tage BILD-lesen.
Android-Menschen hingegen können bild.de einfach in den Browser eintippen und sehen eine mobiloptimierte Version der Website – für lau. Ich kann mit diesem Geschäftsmodell gut leben, da die Springer-Postille für mich sowieso nur Trash-Unterhaltung darstellt, auf die man auch getrost verzichten könnte.
Was nun Kulturstaatsminister Naumann bewegt, sich in diese völlig sinnentleerte Debatte einzumischen – darüber kann man nur spekulieren. Krähen hacken ja bekanntermaßen einander keine Augen aus.
Update: Die “Junge Polizei Bremen” hat die Fotos zurück gezogen und ein entsprechendes Statement dazu veröffentlicht.
—–
Ach ja, die lieben Klischees. Der Franzose trägt Baskenmütze, gestreiften Pulli, hat ein Baguette unterm Arm und die Gitanes in den Mund geklemmt. Der Pole klaut gern, Italiener schreien sofort nach der Mama, Griechen haben immer eine Ouzo-Fahne und tanzen den ganzen Tag Sirtaki (wenn sie mal nicht gerade unseren Euro kaputt machen), Ungarn leben alle in der Puszta und der Deutsche trägt zu jeder Tages- und Nachtzeit Lederhosen und trinkt ausschließlich Bier. Solche Komplexitätsreduktionen mangels kulturellen Interesses oder begrenzten geistigen Horizonts sind Teil unserer Alltagskultur und so verwundert es nicht, dass sich die BILD mal wieder total lustig findet, wenn sie die seit gestern von Dänemark wieder verstärkt durchgeführten Grenzkontrollen einem ausgiebigen Test unterzieht.

Genau so sieht nämlich ein “Islamist” aus. Bart, Käppchen, Kaftan, Pali-Tuch. Der keck verkleidete BILD-Reporter wird durch die Grenzkontrolle gejagt und BILD stellt verwundert fest:
In der orientalischen Tracht darf er seinen Audi sogar neben den Grenzbaum der A 7 fahren. Verdächtig findet ihn keiner der dänischen Zöllner
Der Schabernack findet seine Fortsetzung, indem derselbe Reporter im selben Audi (der stets gut erkennbar ins Bild gerückt wird) als “Schwarzgeldkurier” (im Anzug mit Metalkoffer), als “Hippie” (“Afro-Perücke, Sonnenbrille”) und “Bierschmuggler” (in Fußball-WM Montur) vermutlich denselben Grenzübergang durchquert. Total lustig, wirklich. Aber zurück zum Islamisten: das Angebots-Nachfrage-Modell von BILD und das geistige Potential eines Großteils der BILD-Leserschaft bedingt quasi die archetypische Darstellung des potentiellen Terroristen als gruseligen Muselmann. Etwas beunruhigend wird die Sache allerdings, wenn man feststellt, welche gesellschaftlichen Instanzen sich noch solcher grotesk reduzierten Sinnbilder bedienen:

Jap. Die da. Unser Freund und Helfer.
Uiuiuiui… das war knapp!
Ein Gesteinsbrocken so groß wie ein Reisebus ist in 12.000 Kilometern Entfernung an der Erde vorbeigeflogen – für kosmische Verhältnisse ein äußerst geringer Abstand.
So beteasert “Spiegel-Online” heute einen Artikel, der uns darüber informiert, dass ein Asteroid in der Größe eines Reisebusses in 12.000 Kilometer Entfernung unseren blauen Planeten passiert hat. Klingt erst einmal dramatisch. Doch der Verfasser legt noch eine Kohle auf:
Für die Dinosaurier endete der Crash tödlich: Vor etwa 65 Millionen Jahren schlug ein mehrere Kilometer großer Asteroid auf die Erde ein und besiegelte das Ende der riesigen Lebewesen (…)
Wem spätestens jetzt noch kein kalter Schauer über den Rücken läuft, bitte mal die Hand heben. Die Kernbotschaft dieser Meldung erscheint übrigens erst im dritten Absatz:
Bei der Nasa geht man davon aus, dass ein derart kleiner Asteroid jedoch keinen Schaden anrichten würde, sollte er die Erde treffen.
Nun frage ich mich doch ernsthaft, warum SPON diese Meldung mit der Relevanz eines chinesischen Reissacks dennoch und ausgerechnet heute prominent auf der Startseite verlinkt. Die Spezialexperten für hochdramatische Nichtereignisse waren da ganze zwei Tage schneller!