Mit ‘bild’ getaggte Artikel

Mr. Unfehlbar

Dienstag, 26. Februar 2013

Wenn die BILD über den Papst und den Vatikan berichtet, wird es feierlich. Kerzen werden angezündet, die Luft beginnt zu flimmern. Weihrauchschwaden vernebeln den verklärten Blick.

Es muss den Qualitätsjournalisten von Springer offensichtlich schwer fallen, über die jüngeren Kirchenskandale im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu berichten. Ungewohnt nüchtern lesen sich die Artikel über bekannt gewordene Missbrauchsfälle. Auf das BILD-typische Vokabular („Sex-Bestie„, „Sex-Monster„) verzichtet das Blatt stets, wenn es sich beim Täter um katholische Geistliche handelt. Ebenso spart sich BILD die Suche nach Verantwortlichen. Wenn es um Stellungnahmen und Reaktionen geht, ist stets verallgemeinernd von „der Kirche“ die Rede.

Besonders der Vorstandsvorsitzende der in Linienorganisation strukturierten Glaubensgemeinschaft, Papst Benedikt, kam im BILD-Universum ohne einen Flecken auf der Soutane davon:

Auf der einen Seite das diffuse, namenlose Böse, auf der anderen Seite der Papst der die Ärmel hochkrempelt und aufräumt.

Wenig verwunderlich stimmt folglich die Lektüre des BILD-Artikels zu den jüngsten Missbrauchsvorwürfen gegen den britischen Kurienkardinal Keith O’Brien, der als Hardliner (ja, Link geht auf Fox-News!) im Kampf gegen gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gilt.

So heißt es gleich zu Beginn:

Papst Benedikt XVI. (85) wollte nicht davonlaufen vor den Problemen. Er wollte den Stuhl Petri erst räumen, wenn sich die Wogen um die Vatileaks-Affäre und die Missbrauchsvorwürfe geglättet haben…

Nach der BILD-Logik läuft man also vor Problemen davon, wenn man als Konsequenz aus einem Skandal von seinem Amt zurück tritt. Lässt man Gras über die Sache wachsen, ist das natürlich in Ordnung. Ähm… nun ja. BILD nutzt übrigens die Chance, im Schatten des O’Brien Rücktritts auf die Spekulationen der „La Repubblica“ einzugehen, die bereits am Donnerstag über einen Zusammenhang zwischen dem Papst-Rücktritt und der Vatileaks-Affaire spekulierte.

Auslöser für den neuen Wirbel ist nun ein Bericht der Zeitung „La Repubblica“ (…), die seit Monaten im Clinch mit dem Heiligen Stuhl liegt, [die Zeitung] hatte zuvor schon mehrmals zurückrudern müssen.

BILD stellt die nun folgenden Vorwürfe zunächst also in den „richtigen“ Kontext.

Von Machtkämpfen und Karriere-Seilschaften in der Kurie schrieb die Zeitung, gar von einer einflussreichen „Schwulen-Lobby“.  Als wäre es im 21. Jahrhundert noch eine Nachricht oder ein Skandal, dass auch hinter den Mauern des Kirchenstaates Homosexuelle leben und arbeiten.

Ach! Plötzlich tut BILD so, als würde die ganze Diskussion zur Einstellung der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen überhaupt nicht existieren! Und als wäre im Titel des Artikels nicht die Rede von „bösen Gerüchten“. Was ist denn so „böse“ an diesen Gerüchten? Stimmt ja, diese Hetzmedien giften gegen den Papst und damit gegen uns (denn „Wir sind Papst“!)

Wie auch immer – Benedikts Abschied wird von diesen bösen Gerüchten überschattet. Verdient hat er das nicht!

Bigotterie ist ja nun „weiß Gott“ nichts neues, wenn es um BILD geht. Doch selten wurde sie in einem einzigen Artikel so anschaulich dargestellt.

Fracking: Die Lobbymaschine läuft an

Montag, 18. Februar 2013

Es ist unwahrscheinlich wenn auch nicht ausgeschlossen, dass Politiker, die bereits ins Amt gewählt wurden, sich des Volkes Stimmung annehmen. Besonders, wenn der nächste Wahltermin in Sichtweite gerät. So geschehen nach der japanischen Atomkatastrophe, die den Austieg aus dem Atomausstieg revidierte. Aktuell beschäftigt sich das Wutbürgertum mit dem Thema „Hydraulic Fracturing“ oder kurz Fracking.

Bundesumweltminister Altmaier ließ kürzlich verlauten, er schließe ein komplettes Fracking-Verbot in Deutschland nicht aus. Das freut den umweltbewussten Bürger, denn trotz aller Beteuerungen bleibt Fracking eine umweltgefährdende Fördermethode für Erdgas bzw. -öl, bei der eine Giftbrühe in den Boden gepumpt wird, um die begehrten Rohstoffe aus bestimmten Gesteinsschichten zu lösen. Das kann dann bei schlampig ausgeführten Bohrungen zu einer unfreiwilligen Konvergenz des Gas- und Wassernetzes führen, wie der Film „Gasland“ anschaulich darstellt.

Da wird es höchste Zeit für die Energiewirtschaft, ihre PR-Geschütze in Stellung zu bringen. Letzte Woche beispielsweise schrieb Wolfgang Münchau im SPIEGEL von „diffusen Umweltbedenken“ und preist Fracking als möglichen Ausweg aus der Schuldenkrise. Eine „der wenigen Chancen“, die wir dummen Deutschen bzw. Europäer aus uns entgehen ließen.

Die FAZ lockt mit güldenen Honigtöpfen und zitiert PriceWaterhouseCoopers mit den Worten „Turbo für die Weltwirtschaft“, so als ob gar nicht unser fragiles und überhitztes Finanzsystem daran Schuld ist, wenn Staaten sich für ihre Banken ins wirtschaftliche Elend stürzen.

Nun wäre die BILD nicht die BILD, würde sie nicht noch eine viel größere Keule aus dem Hut zaubern. Und weil Terrorismus ja immer geht, lesen wir heute:

Die USA wollen bei Öl bis 2035 komplett importunabhängig sein. Staaten wie Saudi-Arabien brechen Milliarden-Einnahmen weg. Damit wird es für die Saudis schwerer, auf der ganzen Welt Koran-Schulen zu errichten und zu finanzieren, so eine besonders radikale Form des Islam zu verbreiten.

Das muss nun selbst den konservativen Leser wundern, hat doch Verteidigungsminister de Maizière nicht noch im September die Rolle Saudi-Arabiens für die „Stabilität im Nahen Osten“ unterstrichen und damit unsere Waffenexporte dorthin schöngeredet?

Nun gut, selbst ein blindes Huhn findet ja bekanntlich das eine oder andere Korn, und so liegt die BILD zumindest was die Rolle der Saudis im Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus angeht nicht ganz daneben. Daraus eine Herleitung zur kritischen Einstellung der Deutschen zum Fracking zumindest gedanklich zu konstruieren, ist mal wieder so ganz Springer.

Neues aus dem Glashaus

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Zugegeben: das Internet hat den Konsum von Pornographie ungemein vereinfacht. Früher wurden auf dem Schulhof heimlich Bildchen oder Heftchen getauscht, manche verrauschte VHS-Kassette aufwendig kopiert. Heute genügen wenige Klicks, um entblößte Genitalien zu sehen und nackte Menschen beim Kopulieren beobachten zu können, hochaufgelöst. Man kann geteilter Meinung sein, wie die Gesellschaft mit dieser Tatsache umgehen soll. Da Verbote und Zugangsschranken noch nie wirklich funktioniert haben (s.o.), könnte man die Hochverfügbarkeit von P-18-Material als gesellschaftliche Herausforderung sehen.

Man kann natürlich auch laut schimpfen über den ganzen Schmuddelkram, das ist legitim und von der Meinungsfreiheit gedeckt. Nehmen wir mal folgende Aussage:

Sie zerstören die Liebe. Den ersten Kuss. Das Erröten. Die Schwitzhand. Das Zittern, wenn die Hand von der Schulter hinuntergleitet.

Ja, etwas plakativ formuliert. Schon ziemlich plakativ formuliert, und manche haben den Autor wohl bereits am Stil erkannt. Und es macht dieses ganze Statement über die Verhaftung des „YouPorn-Chefs“ zur Satire des Jahres, denn es wurde von Franz Josef Wagner verfasst. Genau, der von der BILD. VON DER BILD!1111!!!EINSELF!

Sie zerstören den Traum, dass Mädchen Blumen sind, mehr als Titten und Hintern.

Muahahahahaa….

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Freitag, 13. Juli 2012

Nochmal TITANIC: Das Thema ist mittlerweile auch bei BILD angekommen. Betitelt mit einer klassischen So-Headline („So diskutiert das Netz über die Papst-Satire“) hat BILD verschiedene Links zu Seiten veröffentlicht, die sich mit der durch den Vatikan initiierten einstweiligen Verfügung auseinandersetzen. Zu Udo Vetters Beitrag schreibt BILD-Kolumnist Görlach:

Ihr prominentester Vertreter, der Lawblogger Udo Vetter, räumt der Titanic im „Gerichtsprozess gegen den Papst schlechte Chancen ein“.

Nun findet sich weder das in Anführungszeichen gesetzte Zitat in Vetters Text wieder noch geht aus dem Beitrag in irgendeiner Art und Weise hervor, die TITANIC hätte bei einem Prozess „schlechte Karten“. Im Gegenteil; Vetter weist auf frühere Prozesse hin, die das Satiremagazin gewonnen hat:

In ähnlich religiösem Kontext hat übrigens vor Jahren schon Jürgen Klinsmann gegen die taz verloren.

Udo Vetters Fazit (von mir hervorgehoben):

Es wird spannend sein, ob der Papst unter diesen ungünstigen Auspizien tatsächlich gegen die Titanic vor Gericht zieht.

Der „Lawblogger“ ist so überzeugt davon, der Papst würde das Verfahren verliert, dass er bereits einen Nachtrag mit Hinweis auf eine Revision der einstweiligen Verfügung durch das Bundesverfassungsgericht mit Platzhalterdatum unter den Beitrag gesetzt hat.

So etwas fällt übrigens unter den Tatbestand der schlampigen Recherche, sollte aber von den gesetzlichen Regeln zur Pressefreiheit abgedeckt werden 🙂

Medienkompetenz bei BILD-Online

Montag, 05. Dezember 2011

Heute zu lesen:

Ich meine: Um-bruch

Guttenberg rettet Maischberger

Mittwoch, 30. November 2011

Bei Sandra Maischberger wurde gestern über Müll philosophiert. Ich habe ein paar Minuten davon angesehen, bis ich die gewohnt nervige Claudia Roth nicht mehr aushielt und den Sender wechselte. Dadurch ist mir wohl einer der charmatesten Späße, der Gag of the Gags – ja ein wahrer Diamant unter den humoristischen Bonbons entgangen:

Dies will er mit einem Zitat von Franz Alt deutlich machen – und zieht plötzlich einen Zettel aus seinem Jackett.
„Ich habe mir das jetzt extra aufgeschrieben, weil ich habe zu Zahlen ein schlechtes Verhältnis – und in meiner Familie muss man mit Zitieren bekanntlich aufpassen.“

Ihr fallt noch nicht vor Lachen vom Stuhl? Klar, denn ihr wisst ja gar nicht, wer diesen Kichergaranten von sich gab:

Vater von Karl-Theodor zu Guttenberg spielt auf die Zitier-Schwäche seines Sohnes an

Na… na??? So, ich melde mich mal ab und werde mich die nächsten 2 Stunden lachend auf dem Boden krümmen!

Guess who’s back…

Freitag, 25. November 2011

Alles begann mit einem Auftritt des gefallenen Biedermanns im kanadischen Halifax: Als ob es derzeit keine wichtigeren Themen gäbe, stürzte sich die Presse auf Guttenberg 2.0. Gel alle, Brille kaputt? Fast könnte man glauben, Guttenberg wolle sich der Öffentlichkeit mit Hilfe eines redesignten Outfits als geläuterter Paulus präsentieren. „Der scheue MinisterMister Guttenberg“ titelte das Boulevardmagazin „Spiegel“, doch mit der Scheu war es bald vorbei.

Der Auftritt im fernen Nordamerika markierte vielmehr den Start der Promotion-Kampagne für ein Buch, das den beängstigenden Titel (sic!) „Vorerst gescheitert“ trägt und es scheint so, als werkelten der ehemalige Dr. jur. und sein PR-Team tatsächlich an einem politischen Comeback. Dazu, dramaturgisch perfekt getimed, die Nachricht, dass  Guttenbergs Plagiats-Verfahren gegen eine Zahlung von 20.000 EUR eingestellt wurde. Das geht juristisch durchaus in Ordnung; auch einem weniger prominenten und hartnäckigeren Leugner hätte man so eine Einigung sicher zugestanden.  Besser macht das den enttarnten Betrug natürlich nicht. Doch wie geläutert gibt sich Guttenberg tatsächlich? „Bewusstlosigkeitsnachweis durch Unwahrscheinlichkeit der Tat“ nennt Jürgen Kaube in der FAZ diese Variante der Chewbacca-Verteidigung treffend. Einzig eine „chaotische Arbeitsweise“ attestiert sich der um seine Ehre bemühte ehemalige Verteidigungsminister in der BILD. Und man mag ihn beinahe dafür bewundern, wie er es schaffen konnte, eine auf 80 Datenträgern und mindestens 4 Computern an unterschiedlichen Standorten verteilte Zitate- und Stichpunktsammlung aus Büchern und Webseiten in eine mit „summa cum laude“ gewürdigte Doktorarbeit überführen konnte.

By the way: da ist er wieder, der gute alte Karl-Theodor. Schönreden – relativieren – umdeuten. Wenn man sich sein Foto auf dem Buchcover genau ansieht, erkennt man bereits wieder erste Gel-Spuren im Haar.  Bei Springer hat man die Jubelmaschine angeworfen, Guttenberg wird von Nikolaus Blome ermuntert und bekommt „Post von Wagner„.

Der Ausgang von Guttenbergs Relaunch liegt freilich im Dunklen. Spreng bezweifelt, dass der Versuch von Erfolg gekrönt sein wird. Die CSU, deren Parteivorsitzender Horst Seehofer das eingestellte Verfahren noch am Mittwoch als Sieg Guttenbergs verkaufen wollte und dem ehemaligen Politstar die Hand reichte, rudert heute bereits zurück. „Wir haben keine vakanten Stellen“ heißt es plötzlich, nachdem Guttenberg in der ZEIT gegen seine Partei gepöbelt hatte und „Sympathien für die Gründung einer neuen Partei erkennen“ ließ.

Nun denn. Die Manege ist eröffnet. Die Clowns sind schon da.

Edit: Selbst der Spiegel hat mitbekommen, dass KT kein Minister mehr ist. Mea culpa 🙂

Hilfe, die Nazi-Satanisten kommen!

Montag, 31. Oktober 2011

Au weia – was muss man heute bei BILD-Online lesen? Satanisten-Bands kommen nach Berlin! Noch schlimmer, Nazi-Satanistenbands! Mit Schafsblut und nackten Frauen (also die schlechte Art nackter Frauen, nicht jene, welche in hübscher Regelmäßigkeit die BILD-Zeitung zieren)!! Und das an Allerheiligen!!!

Im Zentrum von BILDs gespielter Empörung steht die norwegische Blackmetal-Band „Gorgoroth“. Der Artikel, der sich vorwiegend aus hastig abgetippten Informationen der Wikipedia zusammensetzt, zitiert unter anderem das (sic!) „Berliner Institut für Faschistenforschung (BIFF)“. Nun, das „BIFFF“ (Berliner Institut für Faschismus-Forschung und Antifaschistische Aktion e. V.) mit drei Pfeiffer-F ist eigentlich kein richtiges Institut – jedenfalls ist es nichts, was man sich als durchschnittlicher Bildungsbürger unter einem Institut vorstellt – sondern ein eingetragener Verein, über den man auch aufgrund eines nicht-vorhandenen Impressums nicht viel mehr herausfindet, als dass der Vereinsvorsitzende ein Diplom-Psychologe namens Peter Kratz ist. Institut klingt aber gleich viel seriöser – obwohl die unterstellte Nähe zur „norwegischen Neonazi-Szene“ durch den auffallend Svastika-paranoiden Herrn Kratz mehr oder minder aus der Tatsache gefolgert wird, dass einige der Fans auf Myspace bzw. Youtube Runen bzw. Svastika-ähnliche Symbole in ihren Avatarbildern verwenden.

Nachdem es also bei BILD mit Copy+Paste mal wieder nicht so richtig klappen wollte, entschied man sich konsequenterweise auch gegen eine nähere Recherche der doch sehr dürftigen Beweiskette. Die Band Gorgoroth selbst distanziert sich jedenfalls von faschistischem Gedankengut – hätte man mit ganz wenig gegoogle auch bei Wikipedia nachlesen können.

Einen kleinen Trost gibt es dann aber doch noch für empörte Christen – denn wie BILD analysiert hat werden die satanistischen Texte „(…) so laut ins Mikro gebrüllt (…), dass man sie nicht verstehen kann.“

Ach, es geht doch nichts über ein anständiges Stück Qualitätsjournalismus!

Selten so gelacht!

Dienstag, 18. Oktober 2011

Ein mutmaßlicher Bankräuber hatte, als die Polizei den flüchtigen Verdächtigen stoppen wollte, in seinem Fluchtfahrzeug eine Gasflasche geöffnet und das Luft-Gasgemisch entzündet. Bei der Explosion erlitt der Täter schwere Verbrennungen und sitzt seitdem im Rollstuhl, 5 Polizeibeamte wurden ebenfalls verletzt. Und wie findet BILD das Ganze?

Ja, wirklich total lustig.

Das Piratenphänomen

Dienstag, 20. September 2011

Sonntag war „Wähl ’nen Piraten„-Tag in Berlin. Gestern war „Sprich wie ein Pirat„en-Tag. Spätestens heute beflissen sich nahezu alle deutschen Mainstream-Medien, das „Phänomen“ Piratenpartei zu analysieren. Ein hervorragender Anlass für eine kleine Presseschau.

Christian Stöcker betrachtet den Wahlerfolg auf Spiegel.de als Ergebnis von Unverständnis oder gar netzfeindlicher Gesinnung der meisten etablierten politischen Instanzen. Eine sehr realistische Einschätzung – gibt ihm doch die Reaktion so mancher Politiker Recht. Solche Wendemanöver versprechen jedoch ähnlich erfolglos wie Röslers Griechenland-Gebashe zu enden. Stöckers Kollegin Sybille Berg schwingt die Feminismus-Keule und identifiziert die Piratenpartei als Jung-Herrenclub

„[sie] verengen das Blickfeld, vernachlässigen Körper- und Familienpflege und arbeiten an etwas, das ihnen sinnvoll erscheint, aus welchen Gründen auch immer.“

Ob Frau Berg, die ihre Kolumne mit der Zeile „Warum gibt es eigentlich keine Frauenpartei?“ betitelt, eigentlich weiß, dass es sehr wohl eine Frauenpartei gibt?

Jörg Sundermeier zieht in der TAZ den naheliegenden Vergleich zwischen der Piratenpartei und den frühen Grünen. Eine gewisse Portion Neid (oder Furcht vor einer Erosion der Grünen?) meint man schon aus seinen Zeilen zu lesen – alleine ist er damit nicht. So bewies Renate Künast wenig politisches Feingefühl, sondern eher ein gehöriges Maß an Arroganz, als sie vor gut 2 Wochen die Piraten zu „resozialisieren“ verprach. Vielleicht gab sie damit ja noch ein paar weiteren Hundert ehemaligen Grünen-Wählern Anlass, ihre Stimme den Piraten zu geben. Wahscheinlicher ist jedoch, dass es mit den Piraten nun endlich die Alternative zu den schon lange von Realos beherrschten Grünen auf dem Wahlzettel gibt. Grün ist das neue schwarz.

Durchaus treffend erkennt Marcus Jauer in der Frankfurter Allgemeinen, wie hilflos die etablierten „Protestparteien“ nun anfangen zu schwimmen,

„Die Journalistenfrage, wie sich der Aufstieg der Partei erklärt, verstanden sowohl Linke als auch Grüne als Kritik am eigenen Programm und antworteten, auch ihre Partei „sei im Internet aktiv“ (Harald Wolf) oder sogar „netzaffin“ (Renate Künast).“

andererseits macht er deutlich, dass die Piraten keine „Internetpartei“ sind, sondern vielmehr im Internet ein wichtiges wenn nicht sogar das wichtigste Instrument zur Schaffung von Transparenz in der parlamentarischen Politik sehen.

Soweit reicht der Horizont Franz Josef Wagner freilich nicht. So attestiert er in seiner „Post von Wagner“ der „lieben Piratenpartei“, ihre Forderung nach Freiheit im Internet sei „super-idiotisch und lebensgefährlich.“ Das, Herr Wagner, erklären Sie dann aber bitte auch mal den Damen und Herren vom Bundesverfassungsgericht, die eben genau jene anlasslose Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig erklärt haben. Überhaupt versucht(e) sich BILD darin, die Piratenpartei („Chaostruppe“, „Spaßpartei“) möglichst in ihr eigenes Biotop, die Gaga-Ecke zu lancieren. Mittlerweile ist man aber bei Springer etwas vorsichtiger geworden, und so avanciert der „1. Offizier der Piraten“ über Nacht zu „Berlins neuem Polit-Star„.

Ach ja, nun ratet mal, wer noch überhaupt nicht begeistert vom Berliner Wahlergebnis ist? Na? Richtig – unsere Brüder und Schwestern von Gottes Gnaden, denen die Forderung nach (im Grundgesetz verankerter) Säkularität bitter aufstößt. Ob solche Forderungen ihre Mehrheit finden werden, was evangelisch.de kategorisch ausschließt, wird die Zukunft zeigen.