Ohrengraus

Ja ich weiß, Geschmäcker sind verschieden. Deshalb rezensiere ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr, weder Filme noch Musik. Stattdessen versuche ich mich an das Motto “Leben und leben lassen” zu halten. Wenn sich ‘ne Mutti, Ende 40, das Vogelnest auf dem Kopf in weinrot getüncht und das Dekolletee mit einem Skorpion oder einer Rose verziert gern Andrea Berg reinzieht – sei es drum. Wenn sich erwachsene, vermeintlich intelligente Menschen “Die Atzen” oder Scooter geben, bitteschön. Macht alle was ihr wollt. Geht zu Semino Rossi in die Erfurter Messehalle. Kauft euch die neue Helene Fischer CD. Wünscht euch “Unheilig” bei Antenne Thüringen. Ja – von mir aus hört den ganzen Tag “Die Amigos” – die ich beinahe bewundere, weil sie mit minimaler musikalischer und lyrischer Varianz ihren Geldpeicher in der hessischen Heimat füllen. So abgebrüht muss man erst einmal sein. Was all die vorgenannten gemeinsam haben: sie sind; nun der Schwermetaller nennt es “true”. Also sich selbst und ihrem musikalischen Stil treu.

Doch an irgend einem Punkt hört der Spaß auf. Manche Sachen gehen einfach nicht! Dazu gehören die folgenden drei Alben, die seit einigen Wochen schmerzvoll penetrant auf verschiedenen Privatsendern beworben werden und meine persönlichen Schmerzcharts 2011 bilden.

Adya Classic

Was passiert, wenn zwei Belgier zu viel Pommes Frites gegessen haben und nach einer Nacht mit Magengrummeln und Albträumen mit einer im Fieberwahn geborenen Geschäftsidee aufwachen? Genau, Adya Classic – man nehme 17 “Ohrwurm”-Klassiker und unterlege diese mit einem Euro-Dance Beat: fertig ist das Grauen. Das Elend wird in diesem 4-Minutenclip auf den Punkt gebracht. Wer die Nerven dazu hat, bitteschön. Ich habe euch gewarnt.

 

Gregorian: Masters of Chant-Chapter 8

Ich will Michael Cretu nichts Böses unterstellen. Es ist ja das eine, originelle Ideen zu haben und gregorianische Chöre mit Ambient-Beats und gehauchten französischen Texten zu hinterlegen. Hätte der gute Mann geahnt, welches Grauen sein damaliger Spezi Frank Peterson 20 Jahre später daraus kreieren würde… er hätte sich vermutlich selbst ins musikalische Zölibat geschickt.

Ich bin ja kein besonders großer Oasis-Fan aber was bitte haben die Gallagher-Brüder verbrochen, dass ihr Hit “Wonderwall” nun von britischen Kastraten in schwarzen Mönchskutten geträllert wird? Mal ganz zu schweigen vom “Boss”, vor dessen “Streets of Philadelphia” auch nicht Halt gemacht wurde. Welcher schwanzlose Rechteinhaber gibt seine Erlaubnis für so einen Frevel? Genug der Worte. Das folgende Beispiel stammt von einem älteren Album: “Nothing else matters”. Ohne Worte.

 

Spiritus Dei

Zu guter letzt noch eine ganz besonders schlimme Entgleisung – nicht nur in musikalischer Hinsicht. Die Katholiken, Image-mäßig ja nun arg gebeutelt seit dem Kinderf*****-Skandal, probieren es ebenfalls mit seichtem Choral-Pop. “Die Priester” nennen sich die drei Lerchen und hinterlassen mit dem Album “Spiritus Dei” (Werk des Geistes) eine blutige Spur elektronisch verwurstetem Liedguts von Kirchemusik bis Klassik. Die Vermarktungsstrategen besitzen dabei noch die Frechheit, das ganze als Charity zu verkaufen. Ganze 50 ct. werden angeblich pro verkaufter CD für ein Hilfsprojekt in Tansania verwendet. Nur gut, dass von den 7 EUR Verkaufspreis dann noch genug für Universal übrig bleibt, die für diesen Klangmüll verantwortlich sind. Lieber Universal-Manager, der du dir von den Einnahmen gerade einen neuen Porsche Cayenne bestellt hast: Gäbe es eine Hölle; ein Platz ganz vorn am Fegefeuer wäre dir sicher!