„Oh mein Gott es ist die Natur und sie kommt direkt auf mich zu!“

Wenn Mann einen Plan macht, dann wird dieser Plan in die Tat umgesetzt. Basta! Mein Plan für den 1. Mai war das Umfahren des Hohenwartestausees im schönen Thüringer Wald. In Ermangelung willfähriger Mitstreiter beschloss ich, das Projekt im Alleingang zu bewerkstelligen. Ein Mann, ein Bike, ein GPS. OK, außerdem Fruchtriegel, Regenjacke, Ersatzschlauch, Verbandszeug, 2 Trinkflaschen mit Powerlimo, natürlich ein Helm und Funktionskleidung. So sollte das Ganze am Ende aussehen. Sollte.

Nun sind 54 km mit 1.300 Höhenmetern für einen semi-trainierten Menschen wie mich schon eine Ansage, weshalb ich für die 45 km bis zum Start der Route den PKW wählte. Wider besseren Wissens versuchte ich, mein Bergrad ohne Zerlegen in den Kofferraum zu bekommen. Das schlug nicht nur fehl sondern verursachte auch eine schmerzhafte Hautverletzung. Da, wo es weh tut. Die Stelle, mit der der Daumen beim Fahren am Lenkergriff aufliegt. Da ich nun überhaupt keine Lust hatte, die Bremsen aufzufriemeln (fahre traditionsbewusst V-Brakes) entschied ich mich stattdessen für den Dachfahrradträger. Die Montage desselben verursachte denn auch die zweite schmerzhafte Hautverletzung. Zur Abwechslung an der linken Hand aber an wesentlich unkritischerer Stelle. Dafür hat es herrlich geblutet. Schlussendlich war der Trailesel verstaut.

Notiz an mich: Ich brauche ein größeres Auto! Mit riesigem Kofferraum! Einen verdammten X3, nein einen X5, nein einen motherfucking Volvo XC 90!

Nun ist der neuzeitige Jetztmensch durch technologischen Kikifax verwöhnt. Er neigt dazu, sein Gehirn abzuschalten wenn sich dafür vermeintlich adäquater Ersatz findet. So geht es mir mit den Navis. Da es zu einfach gewesen wäre, sich die Strecke vorher in diesem „Internet“ anzuschauen, lies ich das Gerät nach „Hohenwarte“ suchen und begann meine Reise mit einem beherzten Tritt aufs Gas. Nun zicken diese Geräte ja gern rum. Meins hatte heute so einen Tag und positionierte sich stur 300-500 Meter links von meiner eigentlichen Position. „Kriegt sich schon ein“ dachte ich so bei mir und fuhr in eine Richtung, die mir sinnvoll erschien. Kurz vor Stadtroda ging ich in mich und versetze dem Navi einen Reset. Mit korrekten GPS-Daten versehen wurde dem Gerät und mir plötzlich klar, dass der Weg Richtung Saalfeld über Kahla führt was selbst ich ohne Elektronik im Stande bin zu finden. Danke Hirn für die kleine Extrarunde, es sollte nicht die letzte sein.

Notiz an mich: Verlass dich niemals auf die Technik (1)! Sie lässt dich im Stich!

Unterwegs bemerkte ich, dass der Tank reichlich knapp gefüllt war. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich die Kreditkarte zu Hause gelassen und nur ein paar Euro für eine mögliche Rast eingepackt. Als ob es dem Rucksack nicht egal wäre, ob da ein Portemonnaie drin steckt oder das Geld im integrierten Funktionsgeldbeutel verstaut ist.

Notiz an mich: Nimm immer ausreichend (!) Bargeld und eine Kreditkarte mit

Für ein paar Schluck Diesel hätte das Geld schon gereicht, deshalb fuhr ich erst mal weiter Richtung Talsperre. Dort angekommen erspähte ich auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz ein gebührenpflichtiges Wassercloset. Die zwei Kaffee und die Flasche Wasser forderten ihren Tribut. Leider belagerten 10 Opas das stille Örtchen. Ich verkniff mir also mein Bedürfnis und schwang mich endlich auf mein stolzes Ross. Mein Westhandy sollte mir den Weg zeigen, was es zunächst auch tat. Schon nach wenigen hundert Metern bemerkte ich, dass der Routenautor ein Freund der Naturpfade war; schon befand ich mich mitten im Wald. Nun denn, ich hatte die Stollenreifen aufgezogen und war es nicht die Idee von Gary Fisher und Co., mit einem Bergfahrrad abseits der Straßen zu radeln? Die recht fahrbare Piste war nur leider plötzlich einfach zu Ende. Mein Westhandy verriet mir, dass ich vorher hätte abbiegen müssen. Da, wo kein Weg war. Nun spricht man ja auch vom Radwandern, weshalb ich schiebenderweise den direkten Pfad über einen ziemlich steilen Hang wählte. Irgendwann hatte ich den Planpfad wiedergefunden.  Bis, ja bis mein Zaubertelefon jeglichen Kontakt zum dort miserabel ausgebauten Vodafonenetz verloren hatte. Damit begann das eigentliche Abenteuer.

Notiz an mich: Verlass dich niemals auf die Technik (2)! Sie lässt dich auf jeden Fall im Stich!

20130501_145026-aMich grob an der immer sichtbaren Wasserfläche orientierend bahnte ich mir den Weg über unwegsame Waldpfade, die freundlicherweise kurz zuvor von schwerem Waldgerät präpariert worden waren. Irgendwann gestand ich mir ein, dass weder meine Kondition noch meine Bereifung ein sinnvolles Weiterfahren zuließen. Also schieben. Nachdem ich dann wieder einige sehr idyllische Sackgassen erforscht hatte, entdeckte ich ihn: den „Hohenwarte Stauseeweg“. Das ist so ein Wanderweg, der durch die bekannten bunten Markierungen an den Bäumen gekennzeichnet ist. WENN er denn gekennzeichnet ist! Das war nämlich insbesondere an diversen Kreuzungen nicht der Fall. Also ging es weiter der Nase nach. Mein westdeutsches Schlautelefon hatte sich mittlerweile total aufgehängt. Danke danke danke! Doch wie durch ein Wunder stieß ich immer wieder auf den Hohenwartepfad und lernte, dass es neben den sogenannten „Singletrails“ auch noch die 1/2-Singletrails gibt. Links Wand, rechts 50m Gefälle und dann Wasser. Für Leute wie mich, die ihr Leben eigentlich ganz gut finden absolut unbefahrbar. Also: wieder schieben. Das war auch ganz OK, bis mir eine 47-köpfige Wandergruppe entgegen kam. Man sah mir die Strapazen der zurückliegenden 25 km wohl an und ließ mich unter gut gemeinten Ratschlägen („da hinten wirds eng, Großer“ – no Shit, Sherlock!) passieren. Aber wenigstens sah ich nun alle paar Meter die entscheidenden Markierungen und stand plötzlich auf einem Campingplatz. Dort waren dann keine Markierungen mehr. Meine Geschlechtsgenossen kennen das sicher: Man fragt nicht. Nein, man kriegt das alleine hin! Ich hatte mittlerweile aber keinen Bocke mehr mein Testosteron zu verbreiten und deshalb sprach ich einen jungen Mann mit Ronny Mike-Frisur an, wo der ominöse Pfad denn weiterginge. Es handelte sich um einen Homo Thuringis nixverstehis. Obgleich mir die Vokalharmonik bekannt vorkam, verstand ich nur „dahoch“, „musstdie Fährenehmen wennsefährt weilwillstjarüber“, „de Brücke isweg“ und „nur 10 Minuten vonhier“. Nach weiteren 2 km Singletrail entdeckte ich sie. Ich beschloss, den guten Rat des Einheimischen zu beherzigen und mich von der Bockenburger Fähre auf die andere Seite des Stausees bringen zu lassen. Die erste vernünftige Entscheidung des Tages.

Notiz an mich: Wenn du nicht weiter weißt, frag jemanden. Auch wenn du ihn nicht verstehst!

20130501_145046-aAuf der anderen Uferseite überraschte mich eine Tafel mit Wanderkarte. Dort war sogar ein richtiger Radweg vermerkt, der mich augenscheinlich zum Ziel meiner Reise führen könnte. Ich versuchte mir einige Wegpunkte zu merken. Zettel und Stift wären praktisch gewesen, denn mein zuvor voll geladener Weltraumkommunikator erfreute mich nach einem Neustart mit der Nachricht, dass der Akku gleich leer ist. Notiz an mich: Verlass dich niemals… naja ihr wisst Bescheid. Euphorisch trat ich in die Pedale und freute mich über die Weg-Beschilderung, die natürlich wieder einen entscheidenden Fehler hatte: Sie fehlte an den neuralgischen Punkten. Endlich hatte ich einen der Orte gefunden, den ich mir von der Wandertafel gemerkt hatte. Sehr zu meinem Ärgernis zeigte der nebenstehende Wegweiser auf einen Ort, aus dem ich kam. Charmanterweise in zwei entgegengesetzte Richtungen (ich hätte das fotografiert aber das Multifunktionsmobiltelefon… is klar ne) Ich erinnerte mich an die Lektion mit dem Fragen, und fragte. Der freundliche Anwohner hatte denselben unverständlichen Slang wie Zeltplatz-Mike aber doch entnahm ich seinen Worten den entscheidenden Hinweis. Mein Flachlandthüringerherz hüpfte vor Freude, als ich nachdem ich nur 2 km bergauf in die Richtung zurück musste aus der ich gekommen war den legendären Radweg wiederentdeckt hatte und der Ort Hohenwarte dort ausgeschildert war. Zum Glück hatte ich kurz zuvor noch meinen letzten Fruchtriegel gemampft und strampelte nun erschöpft aber frohen Mutes meinem Ziel entgegen. Auf asphaltierter Piste, die ich nach dem ganzen Matsch, den Selbstmördertrails, den stacheligen Himbeersträuchern und verdammt rutschigen Querwurzeln sehr schätzte. Fast hätte ich den Parkplatz verfehlt, auf dem mein Heimbringer stand und noch eine Runde angetreten. Das nächste Mal vielleicht.

Route: http://goo.gl/maps/H3k2V (die Lücke entstand durch den Reboot des Hellphones)

Tags: , ,