Geh'mal wieder auf die Straße

Es ist gut 20 Jahre her, seit ich das letzte Mal aus einer politischen Motivation heraus Demonstrationen besuchte. An zwei kann ich mich besonders gut erinnern.

Eine dieser Demonstrationen fand am 1. Mai 1989 statt. Diese Demonstration wollte ich nicht besuchen. Ich musste sie besuchen. Auf dieser Demonstration wollte ich kein Transparent tragen. Ich musste eines tragen. Eigentlich war es gar keine richtige Demonstration. Wikipedia definiert eine Demonstration als eine “in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der Meinungsäußerung.” Bei dieser Versammlung durften hingegen die wenigsten ihre Meinung äußern. Und hätten sie gedurft, so hätten die meisten sicherlich dafür plädiert, an diesem 1. Mai mit den Freunden Eis essen zu gehen, eine Radtour zu machen oder einfach faul auf der Couch herumzuliegen.

Stattdessen fügte man sich ein in die gelenkte Dramaturgie, einzig und allein dem Zweck dienend, der sterbenden Führungselite schön Wetter vorzugaukeln und eine fahnenschwenkender Schar von Jubelpersern zu präsentieren. Unser damaliger Klassenlehrer und strammer Regime-Soldat Herr Ralf Schneider sorgte dafür, dass alles seinem sozialistischen Gang folgte. Dass mein Transparent schließlich im Papierkorb landete, konnte er allerdings nicht verhindern.

Ein knappes halbes Jahr später besuchte ich wieder eine Demonstration. Dieses Mal freiwillig. Mit einem Transparent, dass ich selber gebastelt hatte. Gemeinsam mit Tausenden anderer Erfurter, die nun ihre wahre Meinung äußerten.

Vorgestern, am 21. Mai 2009 besuchte ich auch wieder eine Demonstration. Freiwillig. Denn eines der Grundrechte unserer Gesellschaft ist in Gefahr. Die Bundesregierung greift unter dem Deckmantel des Schutzes von Minderjährigen Artikel 5 des Grundgesetzes an, indem eine frei zugängliche Informationsquelle mit einer Zensurliste belegt werden soll. Einer Zensurliste, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit und jedweder Kontrollinstanz allein vom Bundeskriminalamt definiert wird. Eine Maßnahme, die das Gewissen des  vereinten Gutmenschentums der großen Koalition stärken soll. Wenn schon Kinder in unserem ach so zivilisierten Europa missbraucht und davon Fotos und Videos angefertigt werden, dann bitteschön unter Ausschluss der Öffentlichkeit. “Potjemkinsche Dörfer” nannten wir es früher, wenn in der DDR wichtige Staatsgäste empfangen und vorbereitend schnell ein paar Häuserwände weiß getüncht wurden.  Es macht einen schon sprachlos, wenn nun mit ähnlichen Instrumenten hantiert wird, die nicht einem einzigen missbrauchten Kind helfen. Mal zur Erinnerung: Das, was jetzt mit einem roten Stoppschild übertüncht werden soll, stellt in Deutschland eine schwere Straftat dar! Dass das Anfertigen und Verbreiten von Kinderpornografie offenbar nicht wirksam genug verfolgt wird, ist der eigentliche Skandal. Diejenigen, die das erkennen und sich gegen eine Zensur des Internets stellen, werden von nicht wenigen der politischen Akteure diffamiert oder schlichtweg nicht ernst genommen. Die Speerspitze der Populistischen Front Kinderschützer Berliner Verfassungsfeinde, Innenminister Wolfgang Schäuble, verweilte gestern in Jena, um über das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit zu philosophieren. Wie ich fand ein guter Grund, mal wieder zu demonstrieren.

Update: Ich hab ein paar Bilder auf meinem Handy gefunden.

Update 2: Jena.tv hat ein Video veröffentlicht

[youtube jxPkX1CCEhk]

3 Antworten zu “Geh'mal wieder auf die Straße”

  1. Gonzo sagt:

    Na dann pass mal lieber auf wo du und mit wem das nächste mal Kaffee trinken gehst.

    http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/erst-ausfuellen-dann-kaffee-trinken/

    Da fällt mir nix zu ein, nur WTF??

  2. [...] Infos und sogar ein Video gibts bei Qbi und einen sehr schönen Artikel bei den Domspitzen. Auch auf Jenapolis gibt es einige Berichte dazu… [...]

  3. [...] hat. Erfreuliches gab es im Mai zu vermelden: Derbysieg! Wolfgang “Stasi 2.0″ Schäuble hat uns besucht und ordentlich Gegenwind bekommen – feine Sache [...]

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