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LOST-Finale: Tausche spannende Story gegen mythisches Gedöns

Freitag, 10. Dezember 2010

Zeitgenössische TV-Produktionen verfolge ich ja nun eher rudimentär. Es gibt da schon ein paar Highlights wie die „Scrubs“ oder „Two and a half men“. Diese Serien sind aber eher episodengesteuert – man kann inmitten der Serie einsteigen und versteht recht schnell, worum es geht. Anders war es bei „Lost“. Die Serie hatte mich mit der ersten Folge gefangen. Ein späterer Einstieg war bei „Lost“ auch kaum möglich. Zu sehr bauen die einzelnen Episoden aufeinander auf. Bis ins nahezu Unendliche gestalteten die Autoren den Spannungsbogen – die erste Folge lief im deutschen Fernsehen im April 2005, die letzte Folge am 18. November 2010 (!).

*Spoiler-Alarm: Bitte nicht weiterlesen, falls jemand die Serie verfolgt und die letzte Folge noch nicht gesehen hat*

Bis in die vierte Staffel hinein wurden die Mysterien der Insel und der gestrandeten Bewohner kaum aufgelöst bzw. erzeugte jede kleine Erklärung immer neue Fragen. Was hat es mit den mysteriösen Zahlen auf sich? Was ist das für ein seltsames Rauchmonster? Wer sind Die Anderen und warum leben sie auf der Insel? Was ist die Dharma-Initiative? Was ist diese Insel überhaupt? Himmel? Hölle? Keins von beiden? Ein Ort mit speziellen physikalischen Eigenschaften oder doch eher etwas metaphysisches?

Zumindest bei der letzten Frage hat man sich nun offenbar für Antwort B) entschieden. So jedenfalls mein Eindruck nach dem gestrigen 4-Folgen-Lost-Marathon. Viele Fragen bleiben ungeklärt, meint übrigens auch der Spiegel. Dafür macht das Finale einen scharfen Knick in Richtung Religion: Jack, einer der Hauptcharaktere, geliebt von Maria Magdalena AKA Kate Austin, opfert sich für die Menschheit und stirbt als Märtyrer – mit einer Wunde an der Schulter und seitlich im Bereich seiner Rippen. Vorher wird zunächst Jack zum Nachfolger Jacobs ernannt, indem er besprochenes Wasser nippt. Jack, im Angesicht seines Märtyrertodes, lässt dann Hurley vom Wasser kosten, der nach Jacks Tod die Rolle des Inselhüters übernimmt und dabei vom geläuterten Judas Ischariot AKA Benjamin Linus unterstützt wird.

Der letzte parallele Erzählstrang stellt sich als eine Art Vorstufe zum Himmel heraus – und am Ende trifft sich die „Lost“-Gemeinschaft nach ihrem Tod in einer Kirche, um tatsächlich gemeinsam in Richtung des Lichts zu schreiten…

Also mir war das alles etwas zu viel religiöser Schmonz auf einen Haufen. Fast möchte man annehmen, die Botschaft von „Lost“ lautet: „Versuche nicht immer, alle Fragen zu beantworten.“ Ein Kampf Wissenschaft gegen Religion. Einerseits war „Lost“ immer sehr technisch – da gab es seltsame Computer, elektromagnetische Zäune, U-Boote – und es gab jede Menge Schicksal, komische Höhlen mit Kreidekritzeleien, einen Leuchtturm mit einem Teleskop, das in das Leben von Menschen schauen kann und natürlich Smokey, das Rauchmonster. Diesem vielversprechendem Spannungsfeld wurde am Ende einfach die Jesusmütze aufgestülpt, als wäre es den Autoren dann doch zu langweilig geworden – oder die Gewinnprognosen ließen eine 7. Staffel mit befriedigerendem Ende einfach nicht zu.

Wie dem auch sei, am Ende bleibt „Lost“, was es schon immer war: eine Fernsehserie!