Archiv für die Kategorie ‘Schabernack’

Der Christ und die Pressefreiheit

Dienstag, 10. Juli 2012

Die „Titanic“ illustriert ihre aktuelle Ausgabe mit einem Foto des Papstes, auf dem selbiger mit einem gelben Fleck auf seiner Soutane abgebildet ist. Die Bildunterschrift „Undichte Stelle gefunden“ spielt dabei auf die „Vatileaks“-Affaire an; kürzlich wurde ein Informant enttarnt, der Vatikan-Interna an die Presse lancierte. Das Foto kann man lustig finden (ich habe sehr gelacht) oder geschmacklos. Ja sogar würdelos. Aber genau das muss Satire dürfen: überspitzen, übertreiben, Grenzen ausloten. Wenn man in einem Land aufgewachsen ist, in dem man für einen politischen Witz eine Gefängnisstrafe riskierte, findet man Presse- und Kunstfreiheit wahrscheinlich besonders wichtig. Man kennt es eben auch anders. Das Verhältnis der CSU zur Freiheit der Kunst ist hingegen ein gänzlich anderes:

Der Chefredakteur sei seines Berufes nicht würdig. Er persönlich würde ihm „die Lizenz zum Schreiben entziehen“, so Goppel weiter.

Astreine Demokraten, diese Leute von der CSU. Wahrlich.

Ganz unten

Freitag, 22. Juni 2012

Stefan Kuzmany findet ja, dass RTL mit der Verpflichtung Gottschalks einen „Coup“ gelandet hätten. Ich finde das nicht. Was auf den zweiten Blick wie ein cleverer Schachzug Gottschalks und des Kölner Privatsenders aussehen mag, zeigt auf den ersten und dritten Blick nur eines: Gottschalk ist nun wirklich ganz unten angekommen. Na sagen wir fast ganz unten. In der Etage unter Dieter Bohlen gibt es immer noch das Dschungelcamp.

Kuzmany schreibt, dass Markus Lanz es nun noch schwerer haben wird, gegen das „Supertalent“ zu bestehen. Wird er nicht, denn Lanz hatte nie eine echte Chance mit dem toten Format „Wetten dass…“ etwas zu reißen. Dass die Macher der Sendung in ihrer Verzweiflung eine Blondineninfusion in Form von Michelle Hunziger neben Gottschalk auf die Bühne stellen mussten zeigt dies überdeutlich. Lanz, das Würstchen, der sogar für eine Kochshow zu harmlos ist wenn er neben dem burgermampfenden Schuhbeck steht, kann hier nur noch als Opferanode herhalten und wahrscheinlich auch müssen. Denn ein weiterer Moderatorenwechsel ist eher unwahrscheinlich. Eher kauft Stefan Raab die Idee und macht daraus die „Große Wett-WM“.

Aber auch den Casting-Formaten geht es längst nicht so gut, wie der Spiegel-Autor glauben machen möchte. Wer kann sich denn noch an den letzten, vorletzten oder vorvorletzten DSDS-Gewinner erinnern? Gottschalk war sich zwar zu „Wetten dass…“-Zeiten für keinen schmierigen Witz zu schade und seine Griffe in die orangenen Zonen der weiblichen Gäste waren ebenso vorhersag- wie unverzichtbar. Doch damit kann er gegen den pöbelnden Dieter Bohlen keinen Blumentopf gewinnen. Castingshows sind bestenfalls noch Prekariats-TV und Gottschalk aus einer Generation, in der man mit dem Wort „Blasenentzündung“ gegenüber einer Rentnerin noch Skandale auslöste.

Nein, Gottschalk klammert sich an das Rampenlicht wie ein Gotthilf Fischer, als er anno 2000 auf der „Loveparade“ rumgeturnt ist. So sehr ihn der Rausschmiss bei der ARD sicher gegrämt hat – mit dem Wechsel zum Kölner Privatsender tut sich der blonde Thomas keinen Gefallen. Wir werden das spätestens wissen, wenn er mit Gina Lisa Lohfink ins Dschungelcamp einzieht.

Abgestürzt

Sonntag, 25. März 2012

Die Saar hat gewählt. Mit für mich wenig überraschenden Ergebnissen:

  • die FDP schmiert erwartungsgemäß auf erniedrigende 1,8% 1,2% ab und kann folgerichtig als Wahlverlierer bezeichnet werden
  • die Linke büßt im Vergleich zur letzten Landtagswahl über 5% der Wählerstimmen ein und kann mit gutem Gewissen ein Verlierer der Wahl bezeichnet werden
  • die Grünen schaffen es nicht, die abflachenden Wellen der Anti-Atomkraft/Stuttgart21-Stimmung mitzunehmen und retten sich mit voraussichtlich 5% der Stimmen gerade so über die gleichnamige Hürde. Aus der Regierung fliegen sie raus. Man könnte sie mit etwas Häme Verlierer nennen.
  • Die CDU bekommt mit 35,2% die meisten Stimmen noch ein paar Nachkommaprozente mehr als bei der letzten Wahl und hat demzufolge die Wahlen im Saarland gewonnen.
  • Die Piraten feiern einen beachtlichen 8% Erfolg und ziehen erstmals in das saarländische Parlament ein. Damit verdienen sie sich zweifelsfrei die Bezeichnung eines Wahlgewinners.

Eine fehlt noch: die SPD. Sie erhält 30,6% der Stimmen und landet damit auf Platz 2 hinter der CDU. Sie verbessert ihr letztes Wahlergebnis um über 6%. Dem bekunden der beiden stimmstärksten Parteien wird die SPD zusammen mit der CDU eine große Koalition bilden und „nach zwölf Jahren (…) wohl wieder mitregieren“, wie der Spiegel richtigerweise feststellt. So, und wie nennt Björn Hengst das – und selbst Leute wie ich, die nichts mehr von der SPD halten, stimmen hier sicherlich zu – erfolgreiche Wahlergebnis der Saar-Sozis? Genau:

Knapp daneben

Montag, 19. März 2012

Die illustre Kolumne „Zehn um Zehn“ von BILD-Online berichtet „verrät“ heute, was in den letzten Folgen von 10 „Kultserien“ geschah.

Dazu heißt es zur Schlussepisode der Krimiserie „Magnum“:

(…) Higgins (John Hillerman) gesteht*, in Wirklichkeit der mysteriöse Robin Masters zu sein (…)

Das ist so zwar nicht ganz falsch, trotzdem haben die selbsternannten Journalisten bei BILD ein klitzi-bitzi-kleines Detail übersehen. Der Schlussdialog der letzten Episode „Resolutions (2)“ geht nämlich so:

Higgins: Magnum, remember what I told you about Robin Masters?*
Magnum: Yeah…
Higgins: I lied. (smiles)

Quelle: http://magnum-mania.com/Episodes/Season8/Resolutions_2.html

Medienkompetenz bei BILD-Online

Montag, 05. Dezember 2011

Heute zu lesen:

Ich meine: Um-bruch

Qualität im Abwärtstrend: Gottschalk geht zur ARD

Freitag, 15. Juli 2011

Prestige [pʁɛs.ˈtiːʒ] bezeichnet den Ruf (Leumund) einer Person, einer Sache (z. B. eines Gegenstandes, eines Ortes oder einer Institution), oder einer Gruppe von Personen oder von Sachen in der Öffentlichkeit eines bestimmten kulturellen Umfeldes.

Quelle: Wikipedia

Über das „Prestige“, also den Ruf von Thomas Gottschalk kann man sicherlich streiten. Ohne Zweifel ist Gottschalk eine der zentralen Figuren der deutschen Fernsehunterhaltung. Ich erinnere mich noch an das damals revolutionäre Format „Na sowas…“: Turnschuhe, flapsige Sprüche; endlich einer, der aufräumte im miefigen Endsiebziger-geprägten Unterhaltungsgrau zwischen mittäglicher Zweikanal-Versuchssendung und Testbild. Neben Frank Elstner gelang es Thomas Gottschalk, der Sendung „Wetten dass…“ seinen Stempel aufzudrücken. Ein Format, in dem selbstreferentielle Kalauer und vorhersagbare Grapschereien durchaus ihre Daseinsberechtigung haben. Nun überrascht es ein wenig, in welchem Format die ARD „Deutschlands prestigeträchtigsten Moderator“ künftig einsetzen möchte:

Was sie dem Show-Giganten offerieren, scheint erstmal alles andere als attraktiv: ein Quickie vor der „Tagesschau“, wo der Moderator ohne Live-Publikum im kleinen günstigen Studio über tagesaktuelle Dinge plaudern, twittern und skypen soll.

Das „klingt“ nicht nur erst einmal alles andere als attraktiv – das ist vor die Wand fahren mit Anlauf. Bedenklich stimmt auch, dass Gottschalk mit der Sendung Teil einer Umstrukturierung der ARD sein soll, so zumindest die Meinung des Spiegel-Autors:

Zu dieser Image-Offensive gehört auch, dass die ARD-Neuerwerbung Kai Pflaume immer freitags zu seinem Quiz „Drei gegen Kai“ antritt.

Denn die ARD hat großes vor:

Dem Vorabend soll ein neues, größeres und vor allem auch jüngeres Publikum erschlossen werden.

Mit Gottschalk und Kai Pflaume? Man möge mir verzeihen, wenn der Artikel an dieser Stelle endet. Der Autor krümmt sich gerade vor Lachen am Boden…

Via Spiegel.de

Symbolterroristen

Mittwoch, 06. Juli 2011

Update: Die „Junge Polizei Bremen“ hat die Fotos zurück gezogen und ein entsprechendes Statement dazu veröffentlicht.
—–
Ach ja, die lieben Klischees. Der Franzose trägt Baskenmütze, gestreiften Pulli, hat ein Baguette unterm Arm und die Gitanes in den Mund geklemmt. Der Pole klaut gern, Italiener schreien sofort nach der Mama, Griechen haben immer eine Ouzo-Fahne und tanzen den ganzen Tag Sirtaki (wenn sie mal nicht gerade unseren Euro kaputt machen), Ungarn leben alle in der Puszta und der Deutsche trägt zu jeder Tages- und Nachtzeit Lederhosen und trinkt ausschließlich Bier. Solche Komplexitätsreduktionen mangels kulturellen Interesses oder begrenzten geistigen Horizonts sind Teil unserer Alltagskultur und so verwundert es nicht, dass sich die BILD mal wieder total lustig findet, wenn sie die seit gestern von Dänemark wieder verstärkt durchgeführten Grenzkontrollen einem ausgiebigen Test unterzieht.

Genau so sieht nämlich ein „Islamist“ aus. Bart, Käppchen, Kaftan, Pali-Tuch. Der keck verkleidete BILD-Reporter wird durch die Grenzkontrolle gejagt und BILD stellt verwundert fest:

In der orientalischen Tracht darf er seinen Audi sogar neben den Grenzbaum der A 7 fahren. Verdächtig findet ihn keiner der dänischen Zöllner

Der Schabernack findet seine Fortsetzung, indem derselbe Reporter im selben Audi (der stets gut erkennbar ins Bild gerückt wird) als „Schwarzgeldkurier“ (im Anzug mit Metalkoffer), als „Hippie“ („Afro-Perücke, Sonnenbrille“) und „Bierschmuggler“ (in Fußball-WM Montur) vermutlich denselben Grenzübergang durchquert. Total lustig, wirklich. Aber zurück zum Islamisten: das Angebots-Nachfrage-Modell von BILD und das geistige Potential eines Großteils der BILD-Leserschaft bedingt quasi die archetypische Darstellung des potentiellen Terroristen als gruseligen Muselmann. Etwas beunruhigend wird die Sache allerdings, wenn man feststellt, welche gesellschaftlichen Instanzen sich noch solcher grotesk reduzierten Sinnbilder bedienen:

Jap. Die da. Unser Freund und Helfer.

Schampus-Schock!

Montag, 16. Mai 2011

Och menno… heute morgen, kurz nach 9: Ich fröne meinem täglichen Morgenritual; marschiere in den Norma, um mir meine Tagesration Champagner zu organisieren. Dann der Schock: leere Regale! Ganz hinten in der Ecke steht noch eine Flasche Rotkäppchen halbtrocken. Aber Gesindelbrause ist nicht! Ich schnappe nach Luft – wende mich verzweifelt an den Marktleiter: „Sorry, Großer. Lieferengpass!“ Mist! Was ist da los? Ein seltener Rebenpilz, der Nordfrankreich heimgesucht hat? Nein, wie ich wenig später beim Abstecher zum örtlichen Trinkhallenkiosk erfahren muss:

Hab ich’s doch gewusst…

The Fall Of The Reissack & polnische Zuckerhamster

Donnerstag, 14. April 2011

Qualitätsjournalismus… oder wie nennt man es, wenn eine Thüringer Lokalzeitung online über eine Schulhof-Prügelei zwischen 13-jährigen berichtet?

Zu den Motiven gibt es derzeit noch keine Aussage.

Ich hoffe, da wurde schon eine 10-köpfige Soko gebildet mit Kriminologen und Profilern und dem ganzen Klimbim…

Man hätte ja wenigstens etwas übertreiben können (ersetze „Turnbeutel“ durch „Sack mit Türklinken“), so wie es die BILD vormacht. Die Tagesschau weiß heute, dass Lidl und Kaufland in den grenznahen Gebieten zu Polen die Verkaufsmengen für Zucker begrenzen wollen – ob der hohen Nachfrage. BILD kommentiert dies folgendermaßen:

Drogen im Kaffee

Donnerstag, 07. April 2011

Vielleicht hat ja der Verzicht auf den morgentlichen Latte-Macchiato-Einlauf anlässlich des Weltgesundheitstages dem einen oder anderen Schreiberling das Hirn vernebelt. Von der BILD ist man ja so einiges gewohnt. Weniger verwunderlich als eher amüsant wirken daher auch die heutigen „Gewinner & Verlierer“ in der Berliner Krawallpostille, von ereignisblick sehr schön kommentiert.

Etwas erstaunt bin ich hingegen über diesen realitätsfremden Kommentar zur FDP bei Spiegel-Online:

Eine Marktwirtschaft braucht Politiker, die strenge marktwirtschaftliche Prinzipien vertreten.

Ja, es geht tatsächlich um die FDP. Genau – DIE FDP, die gerade in der aktuellen Legislaturperiode vor allem durch Klientelpolitik auf sich aufmerksam machte. Seitliche Arabeske: Norbert Blüm, der heutige BILD-Gewinner, hat vor drei Jahren mal sehr schön gegen die Lobbypolitik gerantet!