Na, wie war der Guten-Morgen-Kaffee? Hat das Brötchgen geschmeckt oder steht der Sonntagsbraten bereits auf dem Tisch? Dann solltet ihr diesen Spiegel-Artikel vielleicht lieber nicht lesen. Euch könnte ziemlich übel werden.
Innenminister Friedrich verbreitet im Zusammenhang mit dem Norwegen-Attentat wirre Forderungen:
“Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce”
Bin ich denn ein hoffnungsloser Träumer, wenn ich erwarte, dass ein “Spitzenpolitiker” insbesondere bei solch sensiblen Themen fundierte Thesen äußert, anstatt irgendwelchen populistischen Durchfall zu fabrizieren? Helfen wir dem Mann auf die Sprünge. Was er hier in BILD-Vokabular beschreibt, könnte man im weitesten Sinne den Mechanismen kognitiver Dissonanz zuordnen. Hat man eine bestimmte Meinung verinnerlicht, sucht man nach Bestätigung dieser Meinung. Nachrichten, Meinungen, Tatsachen, die dieser Meinung widersprechen, werden bewusst und unbewusst gemieden. Ein Raucher wechselt den Sender, wenn über die Gefahren des Rauchens berichtet wird. Ein Innenminister holt den Phrasendrescher raus, wenn er keine Argumente hat:
Die Grundsätze der Rechtsordnung “müssen auch im Netz gelten”, Blogger sollten “mit offenem Visier” argumentieren.
Da war er wieder, der “rechtsfreie Raum” Internet. Angesichts solcher Argumentationsketten kann man an dieser Stelle getrost aufhören, sich mit Friedrichs Thesen auseinanderzusetzen. Man käme zu keinem sinnvollen Ergebnis. Genauso gut könne man versuchen, einen Höhlenmenschen davon zu überzeugen, dass ein Fernseher kein Voodoo-Zauber ist.
Jemand, der eine bestimmte Meinung vertritt und willens ist, diese Meinung zu verbreiten und andere davon zu überzeugen, wird immer einen Weg finden. Dazu braucht es kein Internet. Und ob anonym oder nicht: Leuten wie Hitler oder David Koresh ist es schließlich auch gelungen, eine Anhängerschaft für ihre wirre Philosophie zu aktivieren. Man schafft Meinungen nicht aus der Welt, indem man sie verbietet. Eine Lektion, die bisher noch alle Unrechtssysteme lernen mussten.
Interessant ist übrigens auch folgende Feststellung Friedrichs:
“Die Sarrazin-Debatte hat gezeigt, dass es zum Thema Islam eine Stimmung und einen Gesprächsbedarf gibt, die sich weder in der veröffentlichten Meinung noch in der Politik widerspiegeln”
Nicht doch! Das hätte jetzt wirklich keiner ahnen können, dass es in unserer Gesellschaft islam- und ausländerfeindliche bzw. rechtsradikale Gedankenströme gibt. Das ist Herrn Friedrich erst durch Thilo Sarazzin bewusst geworden? Dann muss ich mich ernsthaft fragen, in welchem Dornröschenschloss hat der CSU-Politiker denn bisher gelebt? Nun gut, immerhin spricht er von “veröffentlichter” und nicht “öffentlicher” Meinung. Irgendwie erinnert mich Friedrich gerade an die Polit-Spitze der sterbenden DDR, die überrascht feststellen musste, dass das Volk die Schnauze voll hatte vom real-existierenden Sozialismus. Auch ein schönes Beispiel übrigens, dass sich Menschen nur noch in “einer geistigen Sauce” bewegen und damit am Ende ein System stürzen konnten. Vielleicht ist es ja das, wovor unser Innenminister Angst hat. Wollen wir hoffen, dass das nicht jenen gelingt, die Friedrich vorgibt bekämpfen zu wollen.
Schönen Sonntag noch!