Archiv für die Kategorie ‘Paradoxon’

Gedanken zu Rot-Rot-Grün in Thüringen (1)

Sonntag, 07. Dezember 2014

Nun ist es also amtlich. Thüringens neue rot-rot-grüne Landesregierung steht, Bodo Ramelow ist der neue Ministerpräsident Thüringens. Vor 20 Jahren hätte ich bei so einem Wahlergebnis mit Wut und Unverständnis reagiert. Nun haben wir 2014 und feierten gerade das 25-jährige Jubiläum der friedlichen Revolution von 1989.

Und wieder bin ich wütend. Aber nicht auf das Wahlergebnis. Nein, meine Einstellung zur DDR, dem Unrechtsstaat, der Defacto-Diktatur hat sich nicht geändert. Ich habe nichts vergessen, den ganzen Firlefanz, den wir mitspielen mussten, die Pioniergelübde, die FDJ, die Fackelmärsche, die Maidemonstrationen und sogenannten Friedensmanifestationen, die Gruppenratssitzungen und Rechenschaftsberichte, den militärisch geprägten Sportunterricht, Staatsbürgerkunde, die Ausgrenzung von Andersdenkenden schon in der Schule, die Gleichschaltung der Medien, die allgegenwärtige latente Angst, „etwas falsches zu sagen“, die Selbstschussanlagen, die politisch Inhaftierten. Was mich wütend macht ist die Tatsache, dass mir eine rot-rot-grüne Regierung heute als das kleinere Übel erscheint. „Stasi raus“ riefen die Demonstranten am 9. November und 4. Dezember in Erfurt, um gegen die anstehende Wahl Ramelows zu protestieren. Ein „bürgerliches Spektrum“ sei es, das seinem Unmut Luft macht, schreibt der Spiegel. „Stasi raus“, das war eine der prägenden Parolen ’89, ein Aufbegehren gegen die staatlich verordnete, allumfassende Überwachung. Ich frage mich: Wo bleibt der Protest gegen die NSA/GCHQ/BND-Überwachung, gegen Bundestrojaner? Gegen den Thüringer Landesverfassungsschutz, der der Thüringer Neonaziszene in einer Art und Weise zur Professionalisierung verhalf, dass man Absicht dahinter vermuten könnte? Warum ist es ausgerechnet die Linke, die SED-Nachfolgepartei, die Aufklärung und Konsequenzen fordert? Hallo, Bürgerrechtler? Ist da noch jemand?

Die schäbigste Rolle nehmen diejenigen ein, die jetzt am lautesten „Stasi, Stasi“ rufen. Die CDU, die mit Marion Walsmann und Stanislaw Tillich selbst ehemalige Blockparteikader in hohen Positionen beschäftigt. Der Thüringer CDU-MdB Manfred Grund erklärte Mitte 2013 allen Ernstes

Fakt ist, dass alle Fragen im Zusammenhang mit der Arbeit der deutschen Nachrichtendienste von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla geklärt wurden. Alle Vorwürfe millionenfacher Grundrechtsverletzungen sind in sich zusammengebrochen.

Aus demselben politischen Lager heißt es, die Linksparte würde die DDR-Geschichte verharmlosen:

Für uns ist klar: Die ständigen Relativierung des Unrechtsstaates zeigen (sic!), dass sich die Linkspartei ihrer Verantwortung entziehen möchte.

Eine anlasslose und allumfassende Überwachung ist Unrecht, eine Partei, die das versucht schönzureden und zu relativieren für mich unwählbar, nachhaltig. Heute, 2014, ist es vor allem die CDU, die sich diesen Vorwurf gefallen lassen muss. Und diejenigen, die sich hier vor den Karren spannen lassen. 1989 besuchte ich ein Wolf-Biermann-Konzert in Erfurt, ein für mich sehr bewegendes Erlebnis. Wolf Biermann, der Bürgerrechtler, prominentes Opfer der Staatssicherheit. Fassungslos lese ich, was Biermann zum NSA-Skandal zu sagen hat:

Das berührt mich überhaupt gar nicht. Ich halte das für eine hysterische Propaganda-Idiotie.

Das ist pure Bigotterie, das ist traurig und enttäuschend, wie Biermann hier mit zweierlei Maß misst. „Sollen doch die linksalternativen Thüringer Würstchen sich von Gysi & Co in die Pfanne hauen lassen!“ Nein, Herr Biermann, jetzt fühle ich mich von Ihnen in die Pfanne gehauen. Ob unserer Geschichte mahnend und zugleich Gegenwartsblind stimmt Biermann dann ein Loblied auf die SPD an:

Sozialdemokraten waren fast immer die zuverlässigen Kärrner des Fortschritts, sozial gesinnt und treu demokratisch. Tolerante Linke eben, und keine großmäuligen Welterretter, sondern unermüdliche Weltverbesserer.

um im nächsten Satz nachzuschieben:

In der Zeitung las ich nun die Schreckensnachricht: 90 Prozent der SPD in Thüringen haben für eine Koalition mit der SED-PDS-Linke gestimmt.

Tja, Scheiß Demokratie, nicht wahr? Demokratie ist nunmal nicht nur dann gut, wenn sie die eigene Meinung repräsentiert. Demokratie kann auch weh tun. Und nun, fast am Ende meiner Gedanken angekommen, kann ich eigentlich nur noch Rosa Luxemburg (auch so eine Linke) zitieren „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Unsere Freiheit sehe ich Dank Terrorüberwachungspanik ernsthaft in Gefahr. Was noch bleibt, ist die Demokratie. Deshalb blicke ich erst einmal gelassen auf die nächsten 5 Jahre in Thüringen.

 

Döpfner: „Diskriminierung“ durch Google

Donnerstag, 06. November 2014

Ach herrje, da kommen einem doch wirklich die Tränen. Springer fühlt sich durch Google diskriminiert. Rufen wir uns noch einmal die Timeline der Ereignisse, die zu dieser vorgeblichen Diskriminierung geführt haben, in Erinnerung:

  • 2009: verschiedene Presseverlage, allen voran der Axel-Springer-Verlag mit seinem Schild & Schwert Christoph Keese, fordern ein „Leistungsschutzrecht für Presseverlage“. Google (und andere Suchmaschinen) sollen für Teaser in Suchergebnislisten Geld an die Verlage bezahlen. Damit versuchen die Verlage, marktwirtschaftliche Mechanismen per Gesetz zu untergraben (erstaunlich, besonders beim neo-kon geprägten Springer-Verlag)
  • Die Netzöffentlichkeit ist mehrheitlich erstaunt; ist doch das Anzeigen von Teasern durch Suchmaschinen ein Prinzip von Geben und Nehmen. Die Suchmaschinen bringen Traffic auf die Verlagsseiten, die ihrerseits durch dort geschaltete Werbeanzeigen davon unmittelbar profitieren. Und Google verdient durch eigene Werbeanzeigen, die neben den Suchergebnissen präsentiert werden. Mit dem Geld investieren Verlage in ihre journalistischen Angebote und Google in ihr Technologiecluster. Win-Win, Keese & Co. sehen das aber anders. Hinweise auf bereits existierende Möglichkeiten, Ergbenisse auf Suchmaschinen im Umfang zu reduzieren oder zu unterbinden, werden (wohlwissentlich um das eigentliche Ansinnen der Verlagslobby $$$) wegdiskutiert
  • 2012: Der Bundestag beschließt, dass im Urheberrechtsgesetz die Paragrafen 87f bis 87h hinzugefügt werden, in denen die von den Verlagslobbyisten geforderten Regelungen manifestiert werden
  • Die Verlagslobby jubelt
  • 2013: Google beugt sich dem Gesetz, welches ja nicht besagt, dass Google die erweiterten Inhalte zeigen und dafür bezahlen muss, sondern stellt Suchmaschinen vor die Wahl: Anzeigen und bezahlen oder eben nicht anzeigen. Google nutzt diesen Handelsspielraum, der per Gesetz eingeräumt wurde, aus und macht die künftige Anzeige von erweiterten Suchergebnissen der betroffenen Presseangebote von der Erklärung abhängig, auf ein Entgelt zu verzichten. Sonst werden eben nur noch Überschriften gelistet, wie es das Gesetz verlangt. Die Verlage stimmen zähneknirschend zu
  • 2014: Die VG Media, Geldeintreibeorgan der Verlage, poltert was von „Marktmissbrauch“ und „Monopolen“ (hier könnte man fragen, schafft man nicht durch eine Verwertungsgesellschaft auch eine Art Monopol?), versucht dann auch die Verlage in Sippenhaft zu nehmen, die dieses dämliche Spiel nicht mitspielen wollen („wenn auslisten, dann bitte die gesamte Presse“) und versucht sich beim Bundeskartellamt einen Titel zu holen
  • Das Bundeskartellamt sagt „Nö“
  • Die Verlage bekommen das große Heulen, reden von Diskriminierung und erlauben schließlich Google auch weiterhin das entgeltfreie Listen von Überschriften und Textausschnitten
  • Die Netzöffentlichkeit feiert

Ich zitiere an der Stelle mal Stromberg: „Fuchs musst du sein, nicht nur einen buschigen Schwanz haben“

Fehlurteil

Samstag, 08. Februar 2014

Man stelle sich folgendes vor: Ein PKW wird für einen Banküberfall genutzt und die Bank möchte ihren Schaden von der KFZ-Zulassungsstelle ersetzt haben. Völliger Unsinn, oder? Nun, das Landgericht Saarbrücken sieht das wohl etwas anders. In einem kürzlich gesprochenen Urteil ging es zwar nicht um Autos, Kennzeichen und Banküberfälle sondern um eine Internetdomain:

Das Landgericht Saarbrücken hat den deutschen Registrar des Bittorrent-Trackers H33t.com für Urheberrechtsverletzungen in Haftung genommen. Das Unternehmen musste den Zugang zu der Domain unterbinden, die nun unter einer neuen Top-Level-Domain wieder erreichbar ist.

Der betroffene Registrar Key-Systems denkt über eine Berufung nach. Mögen sie damit erfolgreich sein!

Nobelpreis für Snowden?

Mittwoch, 29. Januar 2014

Edward Snowden wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Ich finde nicht, dass Snowden den Preis verdient hat. Nicht, bevor Barack Obama seinen wieder zurückgegeben hat. Zur Erinnerung: Obama erhielt den Preis 2009 für, nun ja wofür eigentlich?

für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken

Ach ja, das war’s. Schon klar.

Faux-Palla

Samstag, 11. Januar 2014

Eines muss man der CSU ja lassen: sie haben wirklich Sinn für Humor.

 „Unser Problem in Deutschland ist doch eher, wenn man sich unsere Nachbarstaaten oder die USA anschaut, dass es zwischen Politik und Wirtschaft eher zu wenig als zu viel Austausch gibt“

lolwut???

http://www.tagesschau.de/inland/pofalla230.html

Vom Code zur Ikone

Sonntag, 18. August 2013

Vor einigen Jahren erzählte mir ein Bekannter die folgende Geschichte: Bei fast jeder seiner Heimfahrten von Jena in einen anderen Teil thüringische Provinz wurde er von der Polizei herausgewunken. Seine Personalien wurden kontrolliert und man warf auch gern einen Blick in sein Auto. Nach einigen dieser Kontrollen fragte er die Beamten, ob es einen bestimmten Grund gäbe, warum gerade er so häufig kontrolliert würde. „Na bei Ihrem Kennzeichen, wundern Sie sich da?“ wurde ihm geantwortet. Sein Kennzeichen enthielt die Zahl 88.

Viele wissen mittlerweile, dass die 88 als „Geheimcode“ der rechtsradikalen Szene gilt. Die 8 repräsentiert dabei den 8. Buchstaben des Alphabets, das H. 88 steht demzufolge für HH, was wiederum die Abkürzung des faschistischen Grußes „Heil Hitler“ ist. Mein Bekannter hatte mit der rechten Szene natürlich nichts am Hut, er hatte einfach nur „Pech“ mit seinem Kennzeichen. Von solchen Zahlencodes gibt es eine ganze Menge, kann man bei Wikipedia nachlesen.

Vor 5 Jahren brachte Braugold ein Bier mit der Bezeichnung „Braugold 1888“ heraus. Fatalerweise begab es sich im Jahr 1888, dass Braugold den Firmensitz in der Löbervorstadt bezog. Und da dachte man sich bei Braugold, das gäbe einen guten Aufmacher für eine neue Biermarke her. Nun ist 1888 aber eine ganz besonders schlimme Zahl, denn: 18 = 1. und 8. Buchstabe = A.H. = Adolf Hitler, und dann noch die verrufene 88 hintendran.  Schnell waren die Thüringer Grünen dabei, in einem empörten Aufschrei die Umbenennung des „brisanten Biers“ zu fordern.

Ein ähnliches Problem hat derzeit Tchibo. Man hat dort unachtsamerweise rote Kinderturnschuhe mit der Aufschrift „18“ ins Sortiment genommen. Zum Problem wurde dies erst, nachdem das Watchblog publikative.org einen nicht ganz ernst gemeinten Eintrag auf seiner Facebook-Seite postete: „Vergesst Thor Steinar und alle anderen Neonazi-Marken: Jetzt kommt Tchibo…“

Die Folgen: Tchibo hat die Schuhe aus dem Sortiment genommen. Man erkennt, wie paranoid die Debatte über solche vermeintlichen  rechten „Geheimcodes“ mittlerweile geworden ist. Geheimcodes sind nur dann sinnvoll einsetzbar, wenn sie nur die Adressaten kennen. Folglich taugen die ikonisierten Codes 18, 88, etc. allenfalls noch als Provokation, indem sie tätowiert oder absichtlich (!) auf Autokennzeichen verwendet werden. Dort können Sie ihre Wirkung aber nur deshalb entfalten, weil eben alle Welt gleich panisch aufschreit, wenn diese Ziffern irgendwo und aus irgendeinem Kontext heraus auftauchen, und sei es als Zahl auf ein paar Kinderschuhen. Damit erreicht man gerade das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte. Man mystifiziert diese Symbole. Das Darstellen eines Hakenkreuzes in der Öffentlichkeit ist außerhalb eines geschichtlichen Kontextes heraus verboten. Das führte letzten Endes dazu, dass der Bundesgerichtshof vor 6 Jahren darüber zu befinden hatte, ob das Verbot auch ein durchgestrichenes Hakenkreuz als Zeichen der Antifa-Bewegung umfasst.

Dadurch, dass wir Geschichte verstecken und nicht transparent machen, dass wir Bücher und Symbole verbieten, schaffen wir Mythen und Märtyrer. Wir halten dem, was wir eigentlich aus unserem kollektiven Bewusstsein verbannen wollen, einen Steigbügel indem wir ihm den Reiz des Verbotenen verleihen. Heute ist übrigens der 18.8. Mein Thermometer zeigte heute Morgen 18,8° Celsius. Wer mag da noch an Zufälle glauben?

„Funktionsfähigkeit der deutschen Dienste“

Samstag, 10. August 2013

Ah, der rechte Flügel der SPD meldet sich zu Wort:

Hartmann, der ebenfalls im Parlamentarischen Kontrollgremium sitzt, warnte aber zugleich: „Ich will nicht, dass die Funktionsfähigkeit der deutschen Dienste und die Zusammenarbeit mit den Amerikanern beschädigt wird.“

Es geht natürlich um Prism. Die Sorge Herrn Hartmanns ist jedoch unbegründet, denn wie „funktionsfähig“ die deutschen Dienste in Wahrheit sind haben wir am Beispiel der NSU schon hinreichend vor Augen geführt bekommen.

Dreistheit kennt keine Grenzen

Dienstag, 30. Juli 2013

Das Thema PRISM/Tempora-Überwachung mag trotz aller Beschwichtigungsversuche nicht so richtig von der Agenda verschwinden. Nach den Phasen des Leugnens, des vermeintlichen Nichtwissens, der gespielten Empörung und des simulierten Aktionismus versuchen es verschiedene Stakeholder nun mit Kleinreden.  Otto Schily beispielsweise, ehemaliger Linker, dann Innenminister, mittlerweile auch hauptamtlicher Biometrielobbyist. Er versucht es mit einem legeren „Don’t panic, folks“ und warnt seine eigene Partei davor, das Thema für Wahlkampfzwecke auszuschlachten. Nun fragt sich auch Sigmar Gabriel zu Recht „Wer hat Opa an’s Mikro gelassen?“, wenn auch mit anderen Worten:

Schily komme eben „aus einer anderen Zeit“.

Doch dann lese ich heute das neueste Statement unseres Bundesinnenministers Friedrich. Und da mag einem echt der Sack platzen:

Es gehe beispielsweise um Telefonnummern potenzieller Terroristen in Ländern wie Somalia, Mali oder Pakistan. Man müsse auch über diejenigen Bescheid wissen, die von Berlin aus mit diesen Telefonnummern kommunizierten. Deshalb bitte er darum, sich nicht verunsichern zu lassen.

Der verdachts- und anlasslosen Massenüberwachung auf so eine dummdreiste Art und Weise einen Persilschein ausstellen zu wollen wäre unwürdig hier weiter zu kommentieren. Doch was dann kommt, ist weder dumm noch dreist sondern schlicht Orwell’sches Neusprech par excellence:

Friedrich zufolge haben sich etwa 1000 junge Menschen aus Europa in Syrien dem Dschihad – dem Heiligen Krieg – angeschlossen. Sie ließen sich an Waffen und Sprengstoff ausbilden. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder zurückkehren – mit dem klaren Auftrag, den Dschihad auch in Deutschland und Europa zu führen.

Wie bitte? Wir sollen uns also „nicht verunsichern lassen“ obwohl unser aller Leben jeden Augenblick enden könnte, weil irgendwo der Bund junger Dschihadisten rumspringt und machen kann, was er will wenn wir dessen Telefonnummern nicht kennen? Na jetzt bin ich ja beruhigt, dass wir von solchen Fachkräften wie Herrn Friedrich beschützt werden, oder etwa nicht?

Im Widerspruch zu den Ausführungen Snowdens behauptete Friedrich, eine „personenscharfe“ Aufklärung sei technisch nicht möglich.

Hä? Wenn es nun um „1000 junge Menschen“ geht, die uns die Kehle aufschlitzen wollen, und dieses ganze Milliardenschwere Prism/Tempora-Zeug nicht mal dafür genutzt werden kann, solche Leute gezielt zu überwachen: Warum zur Hölle existieren diese Programme denn überhaupt?

Friedrich ist ein Biedermann, der von unter dem Deckmantel der Sicherheit agierenden Machtfanatikern souffliert solche Aussagen produziert, die er vermutlich selber nicht versteht. Das sind die Eliten, die unsere Geschicke lenken und uns vor Terrorismus und organisisierter Kriminalität schützen wollen? Ja, wir sollten wirklich in Panik geraten.

Einer, den ich kürzlich wegen seiner Aussagen zu Edward Snowden kritisiert hatte, kam glücklicherweise zur Besinnung. Und dabei hat Joachim Gauck noch nicht mal einen Wahlkampf zu führen.

Mr. Unfehlbar

Dienstag, 26. Februar 2013

Wenn die BILD über den Papst und den Vatikan berichtet, wird es feierlich. Kerzen werden angezündet, die Luft beginnt zu flimmern. Weihrauchschwaden vernebeln den verklärten Blick.

Es muss den Qualitätsjournalisten von Springer offensichtlich schwer fallen, über die jüngeren Kirchenskandale im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu berichten. Ungewohnt nüchtern lesen sich die Artikel über bekannt gewordene Missbrauchsfälle. Auf das BILD-typische Vokabular („Sex-Bestie„, „Sex-Monster„) verzichtet das Blatt stets, wenn es sich beim Täter um katholische Geistliche handelt. Ebenso spart sich BILD die Suche nach Verantwortlichen. Wenn es um Stellungnahmen und Reaktionen geht, ist stets verallgemeinernd von „der Kirche“ die Rede.

Besonders der Vorstandsvorsitzende der in Linienorganisation strukturierten Glaubensgemeinschaft, Papst Benedikt, kam im BILD-Universum ohne einen Flecken auf der Soutane davon:

Auf der einen Seite das diffuse, namenlose Böse, auf der anderen Seite der Papst der die Ärmel hochkrempelt und aufräumt.

Wenig verwunderlich stimmt folglich die Lektüre des BILD-Artikels zu den jüngsten Missbrauchsvorwürfen gegen den britischen Kurienkardinal Keith O’Brien, der als Hardliner (ja, Link geht auf Fox-News!) im Kampf gegen gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gilt.

So heißt es gleich zu Beginn:

Papst Benedikt XVI. (85) wollte nicht davonlaufen vor den Problemen. Er wollte den Stuhl Petri erst räumen, wenn sich die Wogen um die Vatileaks-Affäre und die Missbrauchsvorwürfe geglättet haben…

Nach der BILD-Logik läuft man also vor Problemen davon, wenn man als Konsequenz aus einem Skandal von seinem Amt zurück tritt. Lässt man Gras über die Sache wachsen, ist das natürlich in Ordnung. Ähm… nun ja. BILD nutzt übrigens die Chance, im Schatten des O’Brien Rücktritts auf die Spekulationen der „La Repubblica“ einzugehen, die bereits am Donnerstag über einen Zusammenhang zwischen dem Papst-Rücktritt und der Vatileaks-Affaire spekulierte.

Auslöser für den neuen Wirbel ist nun ein Bericht der Zeitung „La Repubblica“ (…), die seit Monaten im Clinch mit dem Heiligen Stuhl liegt, [die Zeitung] hatte zuvor schon mehrmals zurückrudern müssen.

BILD stellt die nun folgenden Vorwürfe zunächst also in den „richtigen“ Kontext.

Von Machtkämpfen und Karriere-Seilschaften in der Kurie schrieb die Zeitung, gar von einer einflussreichen „Schwulen-Lobby“.  Als wäre es im 21. Jahrhundert noch eine Nachricht oder ein Skandal, dass auch hinter den Mauern des Kirchenstaates Homosexuelle leben und arbeiten.

Ach! Plötzlich tut BILD so, als würde die ganze Diskussion zur Einstellung der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen überhaupt nicht existieren! Und als wäre im Titel des Artikels nicht die Rede von „bösen Gerüchten“. Was ist denn so „böse“ an diesen Gerüchten? Stimmt ja, diese Hetzmedien giften gegen den Papst und damit gegen uns (denn „Wir sind Papst“!)

Wie auch immer – Benedikts Abschied wird von diesen bösen Gerüchten überschattet. Verdient hat er das nicht!

Bigotterie ist ja nun „weiß Gott“ nichts neues, wenn es um BILD geht. Doch selten wurde sie in einem einzigen Artikel so anschaulich dargestellt.

Fracking: Die Lobbymaschine läuft an

Montag, 18. Februar 2013

Es ist unwahrscheinlich wenn auch nicht ausgeschlossen, dass Politiker, die bereits ins Amt gewählt wurden, sich des Volkes Stimmung annehmen. Besonders, wenn der nächste Wahltermin in Sichtweite gerät. So geschehen nach der japanischen Atomkatastrophe, die den Austieg aus dem Atomausstieg revidierte. Aktuell beschäftigt sich das Wutbürgertum mit dem Thema „Hydraulic Fracturing“ oder kurz Fracking.

Bundesumweltminister Altmaier ließ kürzlich verlauten, er schließe ein komplettes Fracking-Verbot in Deutschland nicht aus. Das freut den umweltbewussten Bürger, denn trotz aller Beteuerungen bleibt Fracking eine umweltgefährdende Fördermethode für Erdgas bzw. -öl, bei der eine Giftbrühe in den Boden gepumpt wird, um die begehrten Rohstoffe aus bestimmten Gesteinsschichten zu lösen. Das kann dann bei schlampig ausgeführten Bohrungen zu einer unfreiwilligen Konvergenz des Gas- und Wassernetzes führen, wie der Film „Gasland“ anschaulich darstellt.

Da wird es höchste Zeit für die Energiewirtschaft, ihre PR-Geschütze in Stellung zu bringen. Letzte Woche beispielsweise schrieb Wolfgang Münchau im SPIEGEL von „diffusen Umweltbedenken“ und preist Fracking als möglichen Ausweg aus der Schuldenkrise. Eine „der wenigen Chancen“, die wir dummen Deutschen bzw. Europäer aus uns entgehen ließen.

Die FAZ lockt mit güldenen Honigtöpfen und zitiert PriceWaterhouseCoopers mit den Worten „Turbo für die Weltwirtschaft“, so als ob gar nicht unser fragiles und überhitztes Finanzsystem daran Schuld ist, wenn Staaten sich für ihre Banken ins wirtschaftliche Elend stürzen.

Nun wäre die BILD nicht die BILD, würde sie nicht noch eine viel größere Keule aus dem Hut zaubern. Und weil Terrorismus ja immer geht, lesen wir heute:

Die USA wollen bei Öl bis 2035 komplett importunabhängig sein. Staaten wie Saudi-Arabien brechen Milliarden-Einnahmen weg. Damit wird es für die Saudis schwerer, auf der ganzen Welt Koran-Schulen zu errichten und zu finanzieren, so eine besonders radikale Form des Islam zu verbreiten.

Das muss nun selbst den konservativen Leser wundern, hat doch Verteidigungsminister de Maizière nicht noch im September die Rolle Saudi-Arabiens für die „Stabilität im Nahen Osten“ unterstrichen und damit unsere Waffenexporte dorthin schöngeredet?

Nun gut, selbst ein blindes Huhn findet ja bekanntlich das eine oder andere Korn, und so liegt die BILD zumindest was die Rolle der Saudis im Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus angeht nicht ganz daneben. Daraus eine Herleitung zur kritischen Einstellung der Deutschen zum Fracking zumindest gedanklich zu konstruieren, ist mal wieder so ganz Springer.