Archiv für die Kategorie ‘Paradoxon’

Piraten kopieren die FDP

Sonntag, 25. März 2012

Manch einer mag sich angesichts des heutigen Wahlerfolgs der Piraten fragen: wie machen die das bloß? Was ist das Erfolgsgeheimnis einer Partei, die noch keine 6 Jahre alt ist und deren politisches Programm signifikant um das Thema Netzopolitik meandert? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: die Partei tut, was Softwarepiraten eben so tun – sie kopiert. Und zwar von der Partei, die niemals nicht umfällt. Die sich wie eine Eiche im Sturm der Union auf die Bürgerrechte entgegen stemmt. Die sich sowas von niemals von irgendwelchen Lobbys vor den Karren spannen ließe und zu einmal getroffenen Entscheidungen steht.

“Es ist kein Zufall, dass die Piraten jenseits ihrer Selbstinszenierung die FDP kopieren.”

Liebe Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, wie wäre es damit: in Würde abtreten. Hätte was mit Stil zu tun.

Sven Regener schimpft

Freitag, 23. März 2012

Richtig gute Unterhaltung: Sven Regener von “Element of Crime” rantet gegen das Google, Youtube, die Piratenpartei und “Deppen”, die sich beschweren, dass EOC Videos bei Youtube gesperrt sind. Mit Deppen meint er übrigens die EOC-Fans, denn nur ein echter EOC-Fan ist erpicht darauf, sich die Videos der Band unbedingt anschauen zu wollen.

Die Argumentationskette Regeners ist erschreckend dünn. Angefangen mit falschen Behauptungen (z.B. dass die Piratenpartei verlangt, dass Musiker umsonst arbeiten oder das “Youtube nicht pro Klick bezahlen möchte”) über Mimimi-Gejammer, das böse Youtube haut sich die Taschen voll und die Künstler gehen leer aus (selbst Plattenlabels wie Sony-Music beklagen mittlerweile, dass ihnen Geld durch fehlende Youtube-Promotion entgeht …) bis hin zu würdelosen Schimpftiraden auf die eigenen Fans möchte man Herrn Regener doch am liebsten ein Taschentuch reichen. Mal im Ernst, es ist ohne Zweifel richtig, das Thema Urheberrecht allumfassend zu diskutieren und dabei verschiedene Perspektiven zuzulassen, aber so ein haltloser Rant lädt gerade zu ein, zerlegt zu werden. Das hat Christoph Lauer in einer Interviewantwort dann gleich mal übernommen.

GEbeZmühlenartig…

Mittwoch, 14. März 2012

Die BILD schlägt ja gern drauf, im Zweifel auch auf den kleinen Mann, um sich wenig später wieder auf dessen Seite zu stellen. Ein beliebtes Haudrauf-Opfer der BILD ist dabei die Gebühreneinzugszentrale (GEZ). Heute ist es mal wieder so weit – BILD lässt die große GEZ-Keule kreisen:

Was dürfen GEZ-Fahnder?

heißt ein Absatz und behauptet dann gleich mal, GEZ-Fahnder “dürfen (…) durchs Fenster schauen, aber nicht bewusst eine Wohnung ausspähen.” Das klingt nicht nur abenteuerlich sondern ist schlicht und ergreifend falsch – allein schon da es keine GEZ-Fahnder gibt. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die “Gebührenbeauftragten” für die GEZ tätig sind. Vielmehr werden diese von den jeweiligen Landesrundfunkanstalten beauftragt. Diese Tatsache kann und will die BILD natürlich nicht akzeptieren – denn anders lassen sich solche Artikel nicht erklären (Hervorhebung BILD):

Sie klingeln an der Haustür, zücken ihren Ausweis. Auf dem prangt nicht das Logo der Gebühreneinzugszentrale, sondern des Senders!  Wieso haben GEZ-Schnüffler einen RBB-Ausweis?

Weil sie für den RBB arbeiten, lieber Maximilian Kiewel! Was der Journalist Verfasser hier als “Türöffner” brandmarkt, ist das korrekte Verhalten der Gebührenbeauftragten. Würden Sie mit einem GEZ-Ausweis wedeln – das wäre dann eine Täuschung der Befragten und fiele vermutlich in den Tatbestand der Urkundenfälschung. Unter anderem der Berichterstattung der BILD ist es ja zu verdanken, wenn viele Berliner nicht wissen, “dass die Eintreiber unter der Flagge des Lokalfernsehens unterwegs sind.” Doch anstelle Aufklärung zu betreiben, fällt die BILD ungeachtet der eigenen Einsicht gleich wieder in den alten Slang zurück.

Wie viel die GEZ-Schnüffler kassieren, ist geheim. Sie arbeiten auf Provisionsbasis, bekommen nur bei Erfolg Geld.

Auch wenn in Sachen öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland unheimlich viel falsch läuft – die GEZ als ausführendes Organ ist der falsche Adressat für Polemik. Oder um es mit Sophokles zu sagen “töte nicht den Boten”. Den gesetzlichen Rahmen des ö/r Rundfunks gibt die Politik vor. Aber diesen Kontext fühlt die BILD sich wohl außer Stande ihrer Leserschaft zu vermitteln. Vielleicht, weil sie ihn selber nicht begreift.

Was dürfen GEZ-Fahnder?

Leistungsschutzrecht: Willkommen im Fight Club

Mittwoch, 07. März 2012

Das Netz diskutiert gerade eifrig über das zu implementierende Leistungsschutzrecht. Zusammengefasst geht es darum, Google zahlen zu lassen, wenn bestimmte Verlagsinhalte als Suchergebnis angezeigt werden. Um mal die Handpuppen heraus zu holen: Google verdient sein Geld mit Werbung. Die Verlage verdienen ihr Geld im Internet mit Werbung. Beide benötigen dafür Traffic. Möglichst viel Traffic. Mittlerweile sind bei vielen Browsern URL-Leiste und Suchmaschineneingabe miteinander verheiratet (meint Mutter tippt URLs grundsätzlich bei Google ein!)

Ich freue mich schon auf den Tag, an dem der Suchmaschinenquasimonopolist Google die Springer-Seiten aus dem Index schmeißt. Hell yeah!

Aus den Augen, aus dem Sinn? Verbietet das Sandmännchen!

Sonntag, 13. November 2011

Bisher dachte ich immer, für Scherz und Schabernack wäre bei der Jungen Union deren evangelikaler Ableger RCDS zuständig. Weit gefehlt. Die Jugendorganisation der ehemaligen DDR-Blockpartei CDU fordert auf dem CDU-Bundesparteitag in Leipzig ein Verbot von “DDR-Symbolen” und “Ostalgie-Produkten”.

Im Stern relativiert eine entsprechende Meldung – offensichtlich eine Pressemitteilung der JU – zwar die Forderung, indem ausdrücklich ein Verbot der Symbole von Staatssicherheit und NVA gefordert wird. Bei mdr Info klang das gerade in den Nachrichten noch ganz anders; die Meldung ist jedoch auf wundersame Art und Weise gerade aus dem Internet verschwunden.

Nun, ob Hammer & Sichel oder FDJ-Sonnenlogo; es geht hier um das Verbot bestimmter Symbole. Doch gerade das Verbot von Gedanken und Symbolen war kennzeichnendes Merkmal des DDR-Unrechtsstaates. Genutzt hat es ihm nichts und auch nicht vor dem Untergang bewahrt. Wir sind zwar an das Hakenkreuz-Verbot gewöhnt: konnte es aber verhindern, dass sich trotzdem Menschen für nationalsozialistisches Gedankengut begeistern können? Nicht wirklich, wie gerade in diesen Tagen die “Jenaer Zwickauer Zelle” deutlich macht. Aufklärung sollte das Instrument der Wahl sein, um menschenfeindliche Ideologien zu entlarven. Verbote schaffen immer nur Märtyrertum. Aber das wissen die Leute von der Jungen Union vielleicht gar nicht – dazu sind sie noch zu jung. Und genau deshalb ist Aufklärung so wichtig!

Das Schweigen der Lämmer

Samstag, 12. November 2011

Seit sich die 36-jährige Beate Z., mutmaßliches Mitglied der von den Medien getauften “Jenaer Zelle” am Dienstag der Thüringer Polizei stellte, werden dem Trio fast jeden Tag neue Verbrechen zugeschrieben: Neben diversen Banküberfällen werden sie des Polizistenmords von Heilbronn verdächtigt. Sie sollen ebenso für die sogenannten “Döner-Morder” verantwortlich sein, bei denen insgesamt 9 Menschen starben. Die BILD-Zeitung will wissen, dass es eine Spur zu zwei Bombenattentaten in Düsseldorf und Köln gibt. Fast alle Medien sprechen bereits von “rechtem Terror”, da die drei Verdächtigen, von denen letzte Woche zwei tot in einem ausgebrannten Wohnmobil aufgefunden wurden, offenbar der rechten Szene angehörten.

Warum gibt es zu dieser Geschichte eigentlich noch kein einziges Statement unserer führenden Sheriffs? Herr Friedrich, Herr Uhl, bitte dringend melden! Hier ist unsere Sicherheit in Gefahr!11!1!! Wir brauchen Vorratsdatenspeicherung, Trojanerüberwachung, Internetsperren, Fußfesseln und Präventivhaft! Klarnamenpflicht! Parteienverbote! Terroristen bedrohen unsere Freiheit! Herr Herrmann, sagen Sie doch auch mal was! Herr Schünemann! Wo sind Sie? Herr Dobrindt, bitte ein markanter Satz, ein Warnschuss an die Feinde unseres Landes! Nichts! Schweigen im Walde…

So ähnlich war das damals auch, als das Ausmaß des Mißbrauchs an Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Kirche ans Licht kamen. Da haben die KinderschützerInnen Frau von der Leihen und Frau Schröder plötzlich geschwiegen. Hat das Täterprofil der Schuldigen vielleicht nicht ins Feindbild gepasst?

Manchmal verstehe ich Politik einfach nicht. Oder ich verstehe sie nur all zu gut. Wer weiß.

 

Update: Hans-Peter Uhl äußert sich erstaunlich sachlich!

Update #2: Schünemann meldet sich ebenfalls

Update #3: “Friedrich spricht von Rechtsterrorismus

Update #4: Herrmann, dessen “Nürnberger Sonderkommission” die Döner-Morder aufklären sollte, wurde nun ebenfalls gefragt und antwortet knapp im Amtsblatt des Freistaats Bayern.

Potjemkinsche Ränge

Donnerstag, 15. September 2011

Die BILD findet es peinlich: Bis zu 100 Abgeordnete wollen der Papst-Rede im Bundestag am 22.9. fern bleiben. Die Tatsache, dass es sich wohl ausschließlich um Fraktionsmitglieder von SPD und Linkspartei handelt, treibt die Empörung des journalistischen und hauptberuflichen Klerus in ungeahnte Höhen:

„Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages müssen sich der Wirkung dieser Art von Protest im Ausland bewusst sein: Sie verstärken dadurch das Bild vom ‚hässlichen Deutschen‘, das leider immer noch existiert.“

Ich habe ja auch so einige Bilder im Kopf… von katholischen Seelsorgern, die sich an Kindern vergreifen; Pfaffen, die gegen Homosexuelle hetzen; einem Papst, der Kondome verteufelt und sich damit indirekt mitschuldig am Aidstod Tausender zwangsmissionierter, armer Seelen macht.

Vor allem aber habe ich Bilder im Kopf von Staatsbesuchen zu Zeiten der DDR, als hektisch Fassaden gepinselt und Schlaglöcher geflickt wurden. Wer in letzter Zeit die Baumaßnahmen in der Erfurter Innenstadt beobachtet hat, fühlt sich an genau jene Zeiten erinnert.

Die Strategie der Fraktionen, das Bild vom “hässlichen Deutschen” gerade zu rücken besteht übrigens darin, die leeren Plätze mit Pappkameraden Bundestagsmitarbeitern und ehemaligen Abgepordneten zu füllen.

Wie peinlich!

Lobbyists win

Dienstag, 06. September 2011

“Herr, lass Hirn regnen!” möchte es aus mir herausbrüllen. Gestern ging die Mediathek-APP des ZDF an den Start. Terminlich wohlkoordiniert ließ Kulturstaatsminister Neumann (CDU) nun verlauten, die Smartphone-Anwendungen der öffentlich-rechtlichen einer “kritischen Überprüfung” unterziehen zu wollen. Money Quote:

“Die Angebote müssen sich im Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags bewegen”, betonte Neumann. Dieser müsse gegebenenfalls reformiert werden. Die Meinungsvielfalt zu sichern sei wichtig, die deutschen Medienanbieter dürften aber nicht benachteiligt werden.

Wie soll man diese Aussage verstehen? Will Neuman also prüfen, inwieweit die Ö/R-Apps die Einnahmen seiner Busenkumpel von WAZ, Springer & Co. bedrohen und ggf. dann den Auftrag entsprechend abändern?

Zur Erinnerung, den Dreistufentest, den Neumann zitiert, gibt es bereits seit 2009. Er regelt, welche Rundfunkinhalte wie lange auch auf Online-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten publiziert werden dürfen. Mal unabhängig von aller (berechtigten) Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem: Eine App ist letzten Ende nichts anderes als eine Darstellungsform für Inhalte. Für Springer-Chef Döpfner hingegen ist beispielsweise die Tagesschau-App der Antichrist unter den mobilen Anwendungen:

Die “tagesschau”-App hat in Döpfners Augen mit dem klassischem öffentlichen Auftrag nichts zu tun; da sie kostenlos sei, werde der Wettbewerb verzerrt.

Dabei tut die Tagesschau-App im Grunde genommen nichts anderes, als eine für mobile Endgeräte optimierte Internetseite. Sie stellt Inhalte dar, die, nachdem sie den Dreistufentest passiert haben, bei Tagesschau.de publiziert werden. Inhalte, die bereits durch Rundfunkgebühren “bezahlt” wurden. Und Rundfunkgebühren sind keine “Gebühren”, sondern Bereitstellungsentgelte, da sie nutzungsunabhängig zu entrichten sind. Wo liegt also das Problem? Hat Springer Angst, dass man ihnen mit der Tagesschau-App die zahlenden BILD-App (iPhone/-pad) Nutzer abspenstig macht? Das ist nämlich Springers “geniales” Erlösmodell. Die Website “bild.de” ist von den Apple-Geräten iPhone und iPad (sicher auch iPod) nicht (ohne ein wenig Trickserei) aufrufbar. Möchte man sich die BILD-Inhalte trotzdem mobil anschauen, löhnt einmalig 79 ct. sowie mindestens jeweils 1,59 EUR für weitere 30 Tage BILD-lesen.

Android-Menschen hingegen können bild.de einfach in den Browser eintippen und sehen eine mobiloptimierte Version der Website – für lau. Ich kann mit diesem Geschäftsmodell gut leben, da die Springer-Postille für mich sowieso nur Trash-Unterhaltung darstellt, auf die man auch getrost verzichten könnte.

Was nun Kulturstaatsminister Naumann bewegt, sich in diese völlig sinnentleerte Debatte einzumischen – darüber kann man nur spekulieren. Krähen hacken ja bekanntermaßen einander keine Augen aus.

Ein Christ und die Toleranz

Sonntag, 04. September 2011

Beim Blättern im aktuellen “Vorwärts” (nein, natürlich nicht im eigenen!) fiel mir ein Kommentar in’s Auge, der aus meiner Sicht ziemlich perfekt die christliche Interpretation von Toleranz deutlich macht.

Die Widersprüchlichkeit dieses “Zwischenrufs” manifestiert sich bereits im Titel:

Das Mittelalter liegt hinter uns!

Herr Lietz wirft den Laizisten Intoleranz vor, um dann gleich im Teaser zu fordern, sie:

(…) dürfen [...] kein Arbeitskreis der SPD werden

Ein Musterbeispiel an Toleranz. Wer zweifelt jetzt noch daran, dass das Mittlelalter in den Köpfen mancher Christen vorbei ist!

Rechtsruck in der CSU

Sonntag, 07. August 2011

Irgendwas müssen sie der CSU in das Weißbier gekippt haben. Während CSU-Mann Friedrich immer noch darüber staunt, dass Nazis unter uns sind (s.u.), teilt CSU-Generalsekretär Dobrindt erst einmal kräftig nach links aus. Dobrindts “irre” Forderung: Weil in einer Umfrage 1/3 aller Berliner Verständnis für den Bau der Mauer 1961 geäußert haben, möchte der bayerische Politiker die Linkspartei verbieten lassen!

Alle WTFs und keine Facepalms dieser Welt wären unzureichend, um diese völlig abstruse Forderung zu kommentieren. Dobrindt faselt in dem Zusammenhang irgendwas über die Vergangenheit des linken Parteienspektrums in Deutschland und mangelnde Aufarbeitung. Ich kann zur Ehrenrettung Dobrindts nur annehmen, dass ihn die BILD-Reporter vor dem Interview mit Grappa abgefüllt haben.

Wenn die BILD morgen fragt, ob die Polizei Muslime, die sich ihrer Meinung nach auffällig verhalten, in Präventivhaft nehmen dürfen sollen; ich wette, das fände bei einem soliden Drittel Zustimmung. Müsste man dann nicht konsequenterweise die CDU/CSU verbieten lassen? Wegen der Aufarbeitung ihrer eigenen, rechten Vergangenheit und so…

Ich finde dieses Interview ja besonders in Hinblick auf 2 Zitate delikat, über die ich diese Woche schon geschrieben habe. Das Präventivhaft-Beispiel mag konstruiert sein, aber wenn jemand die uns per Verfassung garantierten Bürgerrechte als Modeerscheinung bezeichnet, sollte man in der Tat schnellstens den Verfassungsschutz einschalten!