Archiv für die Kategorie ‘Nisch zu fassn!’

Dichloressigsäure

Dienstag, 20. September 2011

„Forschung ist die beste Medizin.“1

Das Selbstbild der Pharmaindustrie entspricht tendentiell dem des barmherzigen Samariters. Alles zum Wohle der Patienten. Und so ganz nebenbei lässt sich mit der Gesundheit des Menschen eine riesen Stange Geld verdienen. Das Interesse der Pharmaindustrie an der Erforschung neuer Heilmittel ebbt jedoch rapide ab, wenn die Aussicht auf monetäre Gewinne sinkt.

Ein Beispiel hierfür ist der Wirkstoff Dichloressigsäure (DCA). 2007 experimentierte die Universität Alberta mit DCA als potentiellem Mittel gegen Krebserkrankungen – mit vielversprechenden Ergebnissen. Es wäre sicherlich falsch und auf jeden Fall absolut verfrüht, von einem „Wundermittel“ gegen Krebs zu sprechen. Ob das Potential von DCA als Krebsmedikamen jedoch in naher Zukunft erforscht wird, scheint fraglich. DCA ist billig herzustellen und vor allem:

Aufgrund fehlender Patentierbarkeit ist die Finanzierung klinischer Studien sehr schwierig (…), da insofern kein finanzieller Anreiz für Pharmakonzerne besteht.

Man nennt es glaube ich Staatsversagen, wenn staatliche Kernaufgaben wie die Gesundheitsforschung gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen überlassen werden und man Forschung und Lehre die Finanzen wegstreicht, so dass sich diese an der Zitze der Industrie hängen.

1 aus: Fernsehwerbespot der „forschenden Pharmaunternehmen“ VFA

BILD-Wagner vs. NYC

Montag, 12. September 2011

BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb heute Nacht eine Post an New York.

Alte Männer und Frauen, grotesk in ihrer Nike-Sportswear anzusehen…

40-jährige Frauen, deren Hintern so hart sind wie Eishockeypucks.

Der Geruch war in allen Starbucks-Coffees, in den schönen Brooks-Brothers-Hemden…

„(…) Es gibt eine Armani-Party. Ich bring dich da mit rein. (…)“

Ich weiß nicht, wie viele Boulevard-Journalisten ihr kennt die es schaffen, selbst in einer rührseeligen 9/11-Postille Sexismus und Schleichwerbung unterzukriegen. Ich kenne nur einen.

Nachtrag: Wagner ist bei der BILD in guter Gesellschaft. Kollege Herbert Bauernebel verleiht der durch eine am 11.9.2001 entstandene Fotografie bekannt gewordenen Marcy Borders den Titel „Staubfrau“.

Gesellschaftsphilosophie nach Friedrich

Sonntag, 07. August 2011

Na, wie war der Guten-Morgen-Kaffee? Hat das Brötchgen geschmeckt oder steht der Sonntagsbraten bereits auf dem Tisch? Dann solltet ihr diesen Spiegel-Artikel vielleicht lieber nicht lesen. Euch könnte ziemlich übel werden.

Innenminister Friedrich verbreitet im Zusammenhang mit dem Norwegen-Attentat wirre Forderungen:

„Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce“

Bin ich denn ein hoffnungsloser Träumer, wenn ich erwarte, dass ein „Spitzenpolitiker“ insbesondere bei solch sensiblen Themen fundierte Thesen äußert, anstatt irgendwelchen populistischen Durchfall zu fabrizieren? Helfen wir dem Mann auf die Sprünge. Was er hier in BILD-Vokabular beschreibt, könnte man im weitesten Sinne den Mechanismen kognitiver Dissonanz zuordnen. Hat man eine bestimmte Meinung verinnerlicht, sucht man nach Bestätigung dieser Meinung. Nachrichten, Meinungen, Tatsachen, die dieser Meinung widersprechen, werden bewusst und unbewusst gemieden. Ein Raucher wechselt den Sender, wenn über die Gefahren des Rauchens berichtet wird. Ein Innenminister holt den Phrasendrescher raus, wenn er keine Argumente hat:

Die Grundsätze der Rechtsordnung „müssen auch im Netz gelten“, Blogger sollten „mit offenem Visier“ argumentieren.

Da war er wieder, der „rechtsfreie Raum“ Internet. Angesichts solcher Argumentationsketten kann man an dieser Stelle getrost aufhören, sich mit Friedrichs Thesen auseinanderzusetzen. Man käme zu keinem sinnvollen Ergebnis. Genauso gut könne man versuchen, einen Höhlenmenschen davon zu überzeugen, dass ein Fernseher kein Voodoo-Zauber ist.

Jemand, der eine bestimmte Meinung vertritt und willens ist, diese Meinung zu verbreiten und andere davon zu überzeugen, wird immer einen Weg finden. Dazu braucht es kein Internet. Und ob anonym oder nicht: Leuten wie Hitler oder David Koresh ist es schließlich auch gelungen, eine Anhängerschaft für ihre wirre Philosophie zu aktivieren. Man schafft Meinungen nicht aus der Welt, indem man sie verbietet. Eine Lektion, die bisher noch alle Unrechtssysteme lernen mussten.

Interessant ist übrigens auch folgende Feststellung Friedrichs:

„Die Sarrazin-Debatte hat gezeigt, dass es zum Thema Islam eine Stimmung und einen Gesprächsbedarf gibt, die sich weder in der veröffentlichten Meinung noch in der Politik widerspiegeln“

Nicht doch! Das hätte jetzt wirklich keiner ahnen können, dass es in unserer Gesellschaft islam- und ausländerfeindliche bzw. rechtsradikale Gedankenströme gibt. Das ist Herrn Friedrich erst durch Thilo Sarazzin bewusst geworden? Dann muss ich mich ernsthaft fragen, in welchem Dornröschenschloss hat der CSU-Politiker denn bisher gelebt? Nun gut, immerhin spricht er von „veröffentlichter“ und nicht „öffentlicher“ Meinung. Irgendwie erinnert mich Friedrich gerade an die Polit-Spitze der sterbenden DDR, die überrascht feststellen musste, dass das Volk die Schnauze voll hatte vom real-existierenden Sozialismus. Auch ein schönes Beispiel übrigens, dass sich Menschen nur noch in „einer geistigen Sauce“ bewegen und damit am Ende ein System stürzen konnten. Vielleicht ist es ja das, wovor unser Innenminister Angst hat. Wollen wir hoffen, dass das nicht jenen gelingt, die Friedrich vorgibt bekämpfen zu wollen.

Schönen Sonntag noch!

Bürgerrechte – eine Modeerscheinung?

Dienstag, 02. August 2011

In der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 begannen NVA und Grenzpolizei, die damalige Grenze zwischen der DDR und Westberlin abzuriegeln. Dieses Datum markiert den Beginn des Mauerbaus – dem Symbol der Teilung der beiden deutschen Staaten nach dem 2. Weltkrieg. Die Mauer war bis 1989 sichtbares Manifest dafür, welchen Stellenwert Bürgerrechte in der DDR hatten. Die Linkspartei Mecklenburg-Vorpommern stellt hierzu fest, dass der Mauerbau für die DDR alternativlos war – eine, von dem verwendeten, altbekannten Vokabular der Genossen mal abgesehen, durchaus zutreffende Einschätzung. Wer jetzt gleich die Faust in der Tasche ballt, der mag bitte mal an das Ende des Dokuments scrollen, wo sich folgender, zentraler Absatz findet:

Die Lehre des Mauerbaus besteht für die LINKEN darin, zu erkennen, dass der Sozialismus nur auf Dauer erfolgreich sein kann, wenn ihn die Menschen wollen und dass kein Ideal die systematische Einschränkung von Demokratie, Freizügigkeit und Selbstbestimmung rechtfertigt.

Im Kontext dieser Erkenntnis lasse man sich nun bitte mal folgenden Satz Siegfried Kauders auf der Zunge zergehen:

„Es ist Mode geworden, die Freiheitsrechte des Bürgers in den Vordergrund zu stellen.“

Eines dieser beiden Zitate ist mit den Grundsätzen einer freiheitlichen Demokratie vereinbar. Siegfried Kauder ist übrigens Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages.

Via Netzpolitik, Fefe

Manche sind eben gleicher, immer noch!

Dienstag, 02. August 2011

Wahrscheinlich geht es vielen so: Als in der DDR Aufgewachsener ist mein Gerechtigkeitssinn wohl besonders ausgeprägt. Weil „wir“ damals nämlich nur auf dem Papier alle gleich waren. Bereits ein Parteiabzeichen oder ein Streifen an der Pionierbluse machte manch einen gleicher als die anderen.

Irgendwie erlag man der Illusion, dass das in einer Demokratie anders ist. Denkste! In Rosenheim flog ein unseriöser Kurierdienst auf, der Mahn- und Vollstreckungsbescheide nicht zugestellt hatte:

Den säumigen Zahlern glaubten sie kein Wort – bis es einen Kripo-Beamten im gehobenen Dienst ebenfalls eiskalt erwischt hat. Er bekam eine Sonderbehandlung und durfte Anzeige gegen den amtlich zertifizierten Kurierdienst erstatten. So kam schließlich die Wahrheit ans Licht: Die Dokumente waren tatsächlich nicht zugestellt worden.

Via Lawblog

Katholiken: Schwule dissen aber selber rosa Käppchen tragen

Montag, 01. August 2011

Manch einer ist ja der Meinung, die katholische Kirche sei eigentlich die weltgrößte Schwulenorganisation. Sollte dem so sein, ist dies jedenfalls nicht der Grund, warum ich für diese Sekte nichts weiter als Verachtung übrig habe.

Nach außen frönen die Katholiken ja nach wie vor einer gepflegtem und tief sitzenden Homophobie. Dies zeigt einmal mehr jenes schöne Beispiel. Weihbischof Heiner Koch sorgt sich um das heilige Sakrament der Ehe, weil ein homosexueller „Schützenkönig“ seinen Lebensgefährten bei Schützenveranstaltungen an seiner Seite haben möchte:

Und unter Berufung auf die Statuten müsse daher festgestellt werden, dass der Lebensgefährte von dem Schützenkönig Dirk Winter beim Landesbezirks-Königsschiessen in Horstmar und Bundeskönigschiessen in Harsewinkel nicht neben dem schwulen Schützenkönig herlaufen dürfe. Davor und dahinter geht, aber nicht daneben.

Nun habe ich mit Schützenvereinen nicht viel am Hut und eigentlich könnten einem diese seltsamen Vögel in ihren aufällig keck-bunten Gewändern egal sein. Würden sich die Dogmatiker nicht ständig in Politik und Medien einmischen und mit Steuergeldern gemästet werden. Da darf ein wenig Verbalprügel doch sicher erlaubt sein.

Via Spiegel-Online.

Symbolterroristen

Mittwoch, 06. Juli 2011

Update: Die „Junge Polizei Bremen“ hat die Fotos zurück gezogen und ein entsprechendes Statement dazu veröffentlicht.
—–
Ach ja, die lieben Klischees. Der Franzose trägt Baskenmütze, gestreiften Pulli, hat ein Baguette unterm Arm und die Gitanes in den Mund geklemmt. Der Pole klaut gern, Italiener schreien sofort nach der Mama, Griechen haben immer eine Ouzo-Fahne und tanzen den ganzen Tag Sirtaki (wenn sie mal nicht gerade unseren Euro kaputt machen), Ungarn leben alle in der Puszta und der Deutsche trägt zu jeder Tages- und Nachtzeit Lederhosen und trinkt ausschließlich Bier. Solche Komplexitätsreduktionen mangels kulturellen Interesses oder begrenzten geistigen Horizonts sind Teil unserer Alltagskultur und so verwundert es nicht, dass sich die BILD mal wieder total lustig findet, wenn sie die seit gestern von Dänemark wieder verstärkt durchgeführten Grenzkontrollen einem ausgiebigen Test unterzieht.

Genau so sieht nämlich ein „Islamist“ aus. Bart, Käppchen, Kaftan, Pali-Tuch. Der keck verkleidete BILD-Reporter wird durch die Grenzkontrolle gejagt und BILD stellt verwundert fest:

In der orientalischen Tracht darf er seinen Audi sogar neben den Grenzbaum der A 7 fahren. Verdächtig findet ihn keiner der dänischen Zöllner

Der Schabernack findet seine Fortsetzung, indem derselbe Reporter im selben Audi (der stets gut erkennbar ins Bild gerückt wird) als „Schwarzgeldkurier“ (im Anzug mit Metalkoffer), als „Hippie“ („Afro-Perücke, Sonnenbrille“) und „Bierschmuggler“ (in Fußball-WM Montur) vermutlich denselben Grenzübergang durchquert. Total lustig, wirklich. Aber zurück zum Islamisten: das Angebots-Nachfrage-Modell von BILD und das geistige Potential eines Großteils der BILD-Leserschaft bedingt quasi die archetypische Darstellung des potentiellen Terroristen als gruseligen Muselmann. Etwas beunruhigend wird die Sache allerdings, wenn man feststellt, welche gesellschaftlichen Instanzen sich noch solcher grotesk reduzierten Sinnbilder bedienen:

Jap. Die da. Unser Freund und Helfer.

Spanien verbietet Bürgerproteste

Freitag, 20. Mai 2011

Unsere Bundeskanzlerin hat sich ja kürzlich kritisch über die Arbeitsmoral einiger südeuropäischer Staaten geäußert. Vielleicht sollte sie sich dann aber doch lieber mit dem Demokratieverständnis einiger unserer europäischen Nachbarn auseinandersetzen.

Die spanischen Regierung, die ja gern mal den Notstand ausruft, wenn Fluglotsen streiken und mit Militärgerichten droht, hat nun die seit Tagen anhaltenden Bürgerproteste gegen die wirtschaftliche Situation im Land untersagt. Begründung:

Die Kundgebungen könnten den Ablauf der Regional- und Kommunalwahlen am Sonntag stören und die Wähler beeinflussen […]

Verstehe. Übersetzt geht es also darum, dass die Wahlergebnisse nicht gefährdet werden. Wo kämen wir auch hin, wenn Bürger ihre Wahlentscheidung abseits medial gesteuerter Wahlkämpfe träfen.

Update: Bei uns pisackt man unliebsame Wahlgegner, indem man mal eben deren Kommunikationsinfrastruktur lahm legt. German Grundlichkeit.

Deutschlands dümmste Meinung

Dienstag, 10. Mai 2011

Dass ich der Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben mit tendentieller Ablehnung begegne, sollte ja mittlerweile klar sein. Und doch schaffen es diese Krawallbrüder immer wieder, mich negativ zu überraschen.

Es geht mal wieder um Karl-Theodor zu Guttenberg, den gefallenen Engel des Post-Bildungsbürgertums oder wie andere sagen: Vollidioten!

Die Uni Bayreut hat es nämlich gewagt, ihre Arbeit zu machen, die Doktorarbeit geprüft und einen Bericht dazu auszugsweise veröffentlicht.Wenig überraschend kommt man dabei zu dem Schluss, Guttenberg habe entgegen eigener Aussage vorsätzlich getäuscht. Oder um es via Walter Schmitt-Glaeser in BILD-Sprech zu formulieren: Sie veranstalten eine „Treibjagd“. Schmitt-Glaeser weiter:

Mit ihrer Entscheidung hat sie Herrn zu Guttenberg in seiner gesellschaftlichen Existenz schwer beschädigt.

Verstehe ich das richtig? Nicht Guttenberg selber hat sich durch seine Schummelei beschädigt. Nein, hier wird dem Prinzip „Tötet den Boten“ gefrönt. Nach Meinung von Schmitt-Glaeser wäre der strafrechtlichen Relevanz mit der (nach wie vor temporären) Aberkennung des Doktortitels und dem Rücktritt zu Guttenbergs als Minister genüge getan. Schmitt-Glaeser weiß auch, warum die Uni Bayreut in ihrem Gutachten die falschen Schlüsse zieht:

Die Feststellung ist schon klar, aber die Begründung für die angeblich bewusste Täuschung ist in Wahrheit keine. Vergeblich sucht man nach stichhaltigen Argumenten.

Der ehemalige Vizepräsident der Uni Bayreuth erklärt dann auch, warum das Gutachten zu falschen Schlüssen gekommen sein muss:

Ich bin mir absolut sicher, dass Herr Guttenberg nicht bewusst getäuscht hat. Ich kenne ihn noch als Student: Er hat es nicht nötig, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Stichhaltiger kann man es eigentlich nicht formulieren. m(

Wer sind Sie und was haben Sie mit der CSU gemacht?

Samstag, 29. Januar 2011

Der Himmel färbt sich lila und es regnet blaue Frösche! Das muss der Anfang der 2012er Apokalypse sein:

(…) bestehen insbesondere erhebliche Bedenken gegen Internetsperren als  Instrument  im  Kampf  gegen  inkriminierte  Inhalte  wie  Kinderpornografie. Zwar mögen entsprechende Stoppschilder im Netz die Erreichbarkeit solcher Webseiten auf den ersten Blick erschweren. (…) Sperren können (von Anbietern und Konsumenten) leicht umgangen werden und schießen über ihr  Ziel  hinaus,  weil  durch  sie  auch  der  Zugang  zu  legalen  Inhalten  gesperrt  werden  kann.

Kalter Kaffee, denkt ihr? Sagen der CCC, AK Vorrat und alle anderen halbwegs gescheiten Netzmenschen schon seit Jahren, meint ihr? Stimmt! Nur stehen diese Sätze im Positionspapier des Netzrates der – tatsächlich – der CSU! Was ist da passiert? Hat die heimlich jemand ausgetauscht? Den Herrmann und den „spontan betroffenen“ zu Guttenberg nebst gutmenschelnder Gattin? Ich glaube ja, da hat sich ein Hacker einen Spaß erlaubt und das PDF heimlich ausgetauscht.

Via Fefe.