Archiv für die Kategorie ‘Fundsachen’

Erfundene Krankheiten: Internetsucht

Montag, 26. September 2011

“560.000 Deutsche sind internetsüchtig” lautet die beängstigende Überschrift, mit der die Tagesschau heute über eine im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführte Studie berichtet. Die Berliner Morgenpost setzt gleich noch einen drauf und siedelt die “Internetsucht” in einer Liga mit der nach Cannabis an. Natürlich nur rein zahlenmäßig, wie der Artikel später relativiert.

Nicht nur mischen sowohl Morgenpost als auch Tagesschau die Adjektive “süchtig” und “abhängig” munter vor sich hin. Sucht grenzt sich von Abhängigkeit insofern ab, als dass Abhängigkeit körperliche Entzugserscheinungen zur Folge hat, wenn man seinem Spleen nicht nachgeht. Kennt man von Alkohol, Nikotin oder Opiaten.

Internetnutzung als audio-visuelle Rezeption hingegen wird schwerlich zu einer körperlichen Abhängigkeit führen können. Das gilt für viele Habitus unserer westeuropäischen Gegenwartskultur. Wie viele Deutsche hätten wohl “Entzugserscheinungen”, wenn sie auf TV, Kaffee oder das Auto verzichten müssten? Oder das Handy? Wie viele sind süchtig nach Musik? Nach ihrem Partner? Nach Anerkennung? Oder nach Geld?

Wo endet die “normale” Internetnutzung, wo beginnt die Obsession? Machen es sich diejenigen, die mahnend den Zeigefinger heben nicht zu einfach, indem man Verhalten, was eben noch als ritualisiert durchgegangen wäre, dem Bereich des Pathologischen zuordnet?

Dichloressigsäure

Dienstag, 20. September 2011

“Forschung ist die beste Medizin.”1

Das Selbstbild der Pharmaindustrie entspricht tendentiell dem des barmherzigen Samariters. Alles zum Wohle der Patienten. Und so ganz nebenbei lässt sich mit der Gesundheit des Menschen eine riesen Stange Geld verdienen. Das Interesse der Pharmaindustrie an der Erforschung neuer Heilmittel ebbt jedoch rapide ab, wenn die Aussicht auf monetäre Gewinne sinkt.

Ein Beispiel hierfür ist der Wirkstoff Dichloressigsäure (DCA). 2007 experimentierte die Universität Alberta mit DCA als potentiellem Mittel gegen Krebserkrankungen – mit vielversprechenden Ergebnissen. Es wäre sicherlich falsch und auf jeden Fall absolut verfrüht, von einem “Wundermittel” gegen Krebs zu sprechen. Ob das Potential von DCA als Krebsmedikamen jedoch in naher Zukunft erforscht wird, scheint fraglich. DCA ist billig herzustellen und vor allem:

Aufgrund fehlender Patentierbarkeit ist die Finanzierung klinischer Studien sehr schwierig (…), da insofern kein finanzieller Anreiz für Pharmakonzerne besteht.

Man nennt es glaube ich Staatsversagen, wenn staatliche Kernaufgaben wie die Gesundheitsforschung gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen überlassen werden und man Forschung und Lehre die Finanzen wegstreicht, so dass sich diese an der Zitze der Industrie hängen.

1 aus: Fernsehwerbespot der “forschenden Pharmaunternehmen” VFA

Potjemkinsche Ränge

Donnerstag, 15. September 2011

Die BILD findet es peinlich: Bis zu 100 Abgeordnete wollen der Papst-Rede im Bundestag am 22.9. fern bleiben. Die Tatsache, dass es sich wohl ausschließlich um Fraktionsmitglieder von SPD und Linkspartei handelt, treibt die Empörung des journalistischen und hauptberuflichen Klerus in ungeahnte Höhen:

„Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages müssen sich der Wirkung dieser Art von Protest im Ausland bewusst sein: Sie verstärken dadurch das Bild vom ‚hässlichen Deutschen‘, das leider immer noch existiert.“

Ich habe ja auch so einige Bilder im Kopf… von katholischen Seelsorgern, die sich an Kindern vergreifen; Pfaffen, die gegen Homosexuelle hetzen; einem Papst, der Kondome verteufelt und sich damit indirekt mitschuldig am Aidstod Tausender zwangsmissionierter, armer Seelen macht.

Vor allem aber habe ich Bilder im Kopf von Staatsbesuchen zu Zeiten der DDR, als hektisch Fassaden gepinselt und Schlaglöcher geflickt wurden. Wer in letzter Zeit die Baumaßnahmen in der Erfurter Innenstadt beobachtet hat, fühlt sich an genau jene Zeiten erinnert.

Die Strategie der Fraktionen, das Bild vom “hässlichen Deutschen” gerade zu rücken besteht übrigens darin, die leeren Plätze mit Pappkameraden Bundestagsmitarbeitern und ehemaligen Abgepordneten zu füllen.

Wie peinlich!

Oho… der SPIEGEL hinterfragt “kritisch”

Dienstag, 13. September 2011

Jetzt, so der US-Präsident im Interview mit mehreren Medien, müsse Europa endlich richtig handeln. Bald sei es zu spät dafür.

Mit dieser Kernbotschaft berichten die deutschen Medienhäuser heute über ein Interview mit Barack Obama, in dem der amerikanische Präsident Europa mit deutlichen Worten zur wirksamen Bekämpfung der Währungskrise auffordert.

Doch meint es Obama wirklich ernst mit seiner Warnung? Oder steckt hinter dem Handeln des US-Präsidenten purer Aktionismus?

Erstaunlich – der SPIEGEL, der in letzter Zeit eher durch mediales Mitläufertum auffällt als durch kritischen oder gar investigativen Journalismus, hinterfragt Obamas Motivation hinter der Warnung an das alte Europa. Erstaunlich auch, dass der SPIEGEL Obamas durchschaubares Spiel beim Namen nennt.

Wenn es bis zur heißen Phase des Wahlkampfs keine Besserung der wirtschaftlichen Aussichten gibt, lässt sich die Schuld an der Misere immerhin auf Europa schieben.

Der deutsche Michel spielt brav seine Rolle in diesem Obamonopoly, indem er sich erst einmal fürchterlich über diesen depperten Ami aufregt. Soll der doch erstmal vor seiner eigenen Tür fegen! Was mischt der sich überhaupt in unsere Angelegenheiten ein? Und genau so will der Durchschnittsamerikaner uns Europärer natürlich sehen: Erst machen die Krauts unsere Wirtschaft kaputt und dann schimpfen sie, wenn unser Prez ihnen die helfende Hand reicht.

Fefe hat Recht: Man kann von Obama halten was man will – an Trollqualitäten mangelt es ihm jedenfalls nicht!

BILD-Wagner vs. NYC

Montag, 12. September 2011

BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb heute Nacht eine Post an New York.

Alte Männer und Frauen, grotesk in ihrer Nike-Sportswear anzusehen…

40-jährige Frauen, deren Hintern so hart sind wie Eishockeypucks.

Der Geruch war in allen Starbucks-Coffees, in den schönen Brooks-Brothers-Hemden…

“(…) Es gibt eine Armani-Party. Ich bring dich da mit rein. (…)”

Ich weiß nicht, wie viele Boulevard-Journalisten ihr kennt die es schaffen, selbst in einer rührseeligen 9/11-Postille Sexismus und Schleichwerbung unterzukriegen. Ich kenne nur einen.

Nachtrag: Wagner ist bei der BILD in guter Gesellschaft. Kollege Herbert Bauernebel verleiht der durch eine am 11.9.2001 entstandene Fotografie bekannt gewordenen Marcy Borders den Titel “Staubfrau”.

GEZ-Fail (Klassiker)

Sonntag, 11. September 2011

Die TAZ berichtet heute über die geplante Aufstockung des GEZ-Personals, die mit der Reform des Rundfunkgebührensystems 2013 einher gehen soll:

Im Zweifelsfall kann die Zentrale Vermieter verpflichten, über ihre Mieter Auskünfte zu geben, eventuell stehen auch wieder GEZ-Mitarbeiter vor der Tür.

Nun denn, noch einmal zum mitmeißeln: Rundfunkgebührenbeauftragte werden von den LANDESRUNDFUNKANSTALTEN beschäftigt, nicht von der GEZ. Kriegt man z.B. durch simples Wikipedieren heraus.

“…feige in die Anonymität flüchten”

Mittwoch, 07. September 2011

Erzbube Uhl kann’s einfach nicht lassen:

“Wir brauchen eine solche Kultur der Offenheit und keine Foren oder Netzwerke, in denen man sich feige in die Anonymität flüchten kann”

Uhl und sein Amigo Krings kritisieren mit diesem Kopfschüttel-Statement die Forderung der Unterzeichner eines offenen Briefes an Google, Pseudonyme im sozialen Netz “Google+” zu erlauben.

die Entscheidung darüber liege letztlich beim Betreiber der Online-Plattform

…und die Entscheidung, eine solche Plattform zu nutzen, liegt beim Nutzer. Schon klar. Die Entscheidung, wer die Interessen der Bürger in einer parlamentarischen Demokratie vertreten darf, liegt übrigens beim Wähler. Ich hoffe, dass solche Konsorten wir Herr Uhl bald von der politischen Bildfläche verschwinden. Solche Politiker brauchen wir wirklich nicht!

USA! USA!

Mittwoch, 07. September 2011

Die einen sehen ihn zunehmend ins Boulevardeske abrutschen – andere kritisieren mangelnden, kritischen Abstand hinsichtlich bestimmter Themenkomplexe: Den Spiegel.

Sebastian Fischers Artikel “Deutsche wünschen sich starke USA”, der mit der Subline “Amerika-Bild” getaggt ist, indiziert zumindest grobe handwerkliche Mängel an journalistischer Sorgfaltspflicht. Fischer beschreibt Meinungsbilder, die Europäer von Amerika haben und stützt sich dabei auf eine Studie. Nun muss man mit den Ergebnissen von Studien und Befragungen immer sehr, sehr vorsichtig sein. “Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.” soll angeblich Winston Churchill festgestellt haben. Nun muss man nicht gleich gefälschte Ergebnisse unterstellen. Denn guter Journalismus zeichnet sich meines Erachtens durch ein hohes Maß an Objektivität aus. Ein guter Journalist gibt dem Leser die Informationen, mit deren Hilfe er sich eine Meinung bilden kann.

Warum Sebastian Fischer nun in seinem Artikel lediglich den Titel der Studie nennt, jedoch mit keinem Wort den Auftraggeber, den “German Marshall Fund of the United States“, erwähnt, ist mir schleierhaft. Das muss sich der Leser selber zusammengooglen – was nicht schwer ist: Bereits der erste Treffer bei der Suche nach “Transatlantic Trends” führt zu der entsprechenden Website. Mit ein paar Klicks gelangt man auch zu den Ergebnisdaten, zumindest bis zu den Umfrageergebnissen von 2009.

Auffällig ist der Sprung bei den Antworten auf die Frage “Wie wünschenswert ist es, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eine starke Führung in der internationalen Politik ausüben?”. Fanden dies ein Jahr zuvor lediglich 39% der Befragten “wünschenswert” bzw. “sehr wünschenswert”, kletterte das Ergebnis 2009 auf 65%. Obama-Effekt hin oder her – dass mehr als ein Viertel der Befragten ihre Meinung zur Führungsrolle der USA innerhalb eines Jahre um 180° wendet, erscheint dann doch fraglich. Dass dieser Trend trotz der Ernüchterung, die mittlerweile sicher bei vielen in Hinblick auf Barack Obamas Politik eingekehrt ist, nach wie vor anhält, erscheint dann geradezu unwahrscheinlich.

Das hier bei den Ergebnissen getrickst wurde, ist nun freilich reine Spekulation. So weit hätte der Journalist Fischer nicht gehen brauchen. Ein Link auf die Website des GMFUS hätte schon gereicht.

Lobbyists win

Dienstag, 06. September 2011

“Herr, lass Hirn regnen!” möchte es aus mir herausbrüllen. Gestern ging die Mediathek-APP des ZDF an den Start. Terminlich wohlkoordiniert ließ Kulturstaatsminister Neumann (CDU) nun verlauten, die Smartphone-Anwendungen der öffentlich-rechtlichen einer “kritischen Überprüfung” unterziehen zu wollen. Money Quote:

“Die Angebote müssen sich im Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags bewegen”, betonte Neumann. Dieser müsse gegebenenfalls reformiert werden. Die Meinungsvielfalt zu sichern sei wichtig, die deutschen Medienanbieter dürften aber nicht benachteiligt werden.

Wie soll man diese Aussage verstehen? Will Neuman also prüfen, inwieweit die Ö/R-Apps die Einnahmen seiner Busenkumpel von WAZ, Springer & Co. bedrohen und ggf. dann den Auftrag entsprechend abändern?

Zur Erinnerung, den Dreistufentest, den Neumann zitiert, gibt es bereits seit 2009. Er regelt, welche Rundfunkinhalte wie lange auch auf Online-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten publiziert werden dürfen. Mal unabhängig von aller (berechtigten) Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem: Eine App ist letzten Ende nichts anderes als eine Darstellungsform für Inhalte. Für Springer-Chef Döpfner hingegen ist beispielsweise die Tagesschau-App der Antichrist unter den mobilen Anwendungen:

Die “tagesschau”-App hat in Döpfners Augen mit dem klassischem öffentlichen Auftrag nichts zu tun; da sie kostenlos sei, werde der Wettbewerb verzerrt.

Dabei tut die Tagesschau-App im Grunde genommen nichts anderes, als eine für mobile Endgeräte optimierte Internetseite. Sie stellt Inhalte dar, die, nachdem sie den Dreistufentest passiert haben, bei Tagesschau.de publiziert werden. Inhalte, die bereits durch Rundfunkgebühren “bezahlt” wurden. Und Rundfunkgebühren sind keine “Gebühren”, sondern Bereitstellungsentgelte, da sie nutzungsunabhängig zu entrichten sind. Wo liegt also das Problem? Hat Springer Angst, dass man ihnen mit der Tagesschau-App die zahlenden BILD-App (iPhone/-pad) Nutzer abspenstig macht? Das ist nämlich Springers “geniales” Erlösmodell. Die Website “bild.de” ist von den Apple-Geräten iPhone und iPad (sicher auch iPod) nicht (ohne ein wenig Trickserei) aufrufbar. Möchte man sich die BILD-Inhalte trotzdem mobil anschauen, löhnt einmalig 79 ct. sowie mindestens jeweils 1,59 EUR für weitere 30 Tage BILD-lesen.

Android-Menschen hingegen können bild.de einfach in den Browser eintippen und sehen eine mobiloptimierte Version der Website – für lau. Ich kann mit diesem Geschäftsmodell gut leben, da die Springer-Postille für mich sowieso nur Trash-Unterhaltung darstellt, auf die man auch getrost verzichten könnte.

Was nun Kulturstaatsminister Naumann bewegt, sich in diese völlig sinnentleerte Debatte einzumischen – darüber kann man nur spekulieren. Krähen hacken ja bekanntermaßen einander keine Augen aus.

Ein Christ und die Toleranz

Sonntag, 04. September 2011

Beim Blättern im aktuellen “Vorwärts” (nein, natürlich nicht im eigenen!) fiel mir ein Kommentar in’s Auge, der aus meiner Sicht ziemlich perfekt die christliche Interpretation von Toleranz deutlich macht.

Die Widersprüchlichkeit dieses “Zwischenrufs” manifestiert sich bereits im Titel:

Das Mittelalter liegt hinter uns!

Herr Lietz wirft den Laizisten Intoleranz vor, um dann gleich im Teaser zu fordern, sie:

(…) dürfen [...] kein Arbeitskreis der SPD werden

Ein Musterbeispiel an Toleranz. Wer zweifelt jetzt noch daran, dass das Mittlelalter in den Köpfen mancher Christen vorbei ist!